Posts

Posts mit dem Label "Philosophisches" werden angezeigt.

Sind Reiche egoistisch?

Haben Sie schon einmal vom Ig-Nobel-Preis gehört? Die Ig-Nobel-Preise wurden 1991 als augenzwinkerndes Gegenstück zu den Nobelpreisen ins Leben gerufen. Sie sollen wissenschaftliche Arbeiten würdigen, die zunächst zum Lachen bringen, aber anschließend zum Nachdenken anregen und damit auch auf die überraschenden und manchmal kuriosen Seiten wissenschaftlicher Forschung aufmerksam machen. Jedes Jahr werden zehn Ig-Nobel-Preise auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft verliehen. Wie ungewöhnlich die ausgezeichneten Themen sein können, zeigen etwa die Untersuchung, warum Toast bevorzugt auf der Butterseite landet, die Beobachtung, dass Kühe durch ein aufgemaltes Zebrafellmuster weniger von Fliegen geplagt werden, oder die Erforschung der Frage, ob Heringe miteinander kommunizieren, indem sie unter Wasser pupsen. In diesem Jahr erhielten der Psychologie-Professor Paul Piff und vier seiner Kollegen den Ig-Nobel-Preis für Wirtschaftswissenschaften für ihre Untersuchungen zum Zusammenhang ...

Wie zuverlässig sind unsere Erinnerungen?

Was ist Ihre früheste Kindheitserinnerung? Vielleicht sehen Sie die Szene noch klar vor sich: ein Zimmer, ein Gesicht, Ihr Gefühl der Freude oder Angst. Aber woher wissen Sie eigentlich, dass diese Erinnerung wirklich so geschehen ist? Könnte es sein, dass einzelne Details später ergänzt, verschoben oder unbewusst aus Erzählungen anderer übernommen wurden? Dass das Gedächtnis unzuverlässig ist, wird besonders denjenigen bewusst, die versuchen, ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Angela Merkel hat mehrfach darauf hingewiesen, dass sie sich beim Schreiben ihrer Autobiographie „Freiheit“ nicht allein auf ihr Gedächtnis verlassen wollte. Kalender, Akten und Notizen halfen ihr dabei, Abläufe zu rekonstruieren und Erinnerungen zu überprüfen. Im Epilog ihres Buchs schreibt sie: „Wer einmal versucht hat, sich an Ereignisse zu erinnern, die nur fünf oder zehn Jahre zurückliegen, nicht oberflächlich, sondern ernsthaft, tatsächliche oder vermeintliche Erinnerungen mit Fakten abzugleichen...

Die Macht unserer Erwartungen

Sie haben bestimmt schon vom Placebo-Effekt gehört: Wenn wir erwarten, dass ein Medikament wirkt, kann das allein schon in unserem Körper Prozesse auslösen, die die Heilung fördern. In seinem Buch „The Expectation Effect“ berichtet der Wissenschaftsjournalist David Robson, dass Placebos dieselben biologischen Mechanismen aktivieren können wie echte Medikamente. Bei Schmerzen etwa setzt der Körper unter dem Einfluss positiver Erwartungen körpereigene Opioide, insbesondere Endorphine, frei. Dass dies keine bloße Einbildung ist, zeigte sich in Experimenten bei denen ein Wirkstoff gegeben wurde, der Opioidrezeptoren im Gehirn blockiert. Der Placebo-Effekt verschwand daraufhin. Bei Parkinson-Patienten wurde folgendes beobachtet: Wenn die Patienten glaubten, ein wirksames Medikament erhalten zu haben, stieg die Dopamin-Ausschüttung im Gehirn messbar an, also genau jener Botenstoff, dessen Mangel die Krankheit kennzeichnet. Placebo-Effekte wurden außerdem bei Depressionen, Reizdarmsyndrom,...

Babel oder Jerusalem? Papst Leo XIV. über das Menschsein im Zeitalter der KI

Dass Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika  der Künstlichen Intelligenz widmet, überrascht nicht. Der Vatikan beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den ethischen Herausforderungen der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz. Hinzu kommt, dass der Papst Mathematik und Philosophie studierte, bevor er in den Augustinerorden eintrat und sich der Theologie zuwandte. Vor diesem Hintergrund macht er die Frage nach dem Menschen im Zeitalter der KI zum Thema seiner ersten Enzyklika. Mit der Enzyklika Magnifica Humanitas legt Papst Leo XIV. allerdings weit mehr vor als eine Stellungnahme zur Künstlichen Intelligenz. Bereits der Titel macht dies deutlich. Magnifica Humanitas bedeutet „großartige Menschheit“ oder „großartiges Menschsein“. Gemeint ist damit die einzigartige Würde, die der Mensch als Ebenbild Gottes hat und die bewahrt werden muss: „Wir haben die dringende Pflicht, zutiefst menschlich zu bleiben und liebevoll jenes großartige Menschsein zu bewahren, das uns gesch...

Wie die Körperhaltung das Beten beeinflusst

Wenn Menschen beten, tun sie das nicht nur mit Worten oder Gedanken. Sie tun es auch mit ihrem Körper: Sie knien, werfen sich nieder oder stehen mit erhobenen Händen. Oder sie sitzen, beugen den Kopf und falten die Hände. Die Psychologie stellt hier eine interessante Frage: Welche Verbindung besteht zwischen diesen Körperhaltungen und dem inneren Erleben des Gebets? Dieser Frage geht eine aktuelle Studie nach, die 2024 unter dem Titel „Kneel, stand, prostrate: The psychology of prayer postures in three world religions“ in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht wurde. Die Autoren gehen davon aus, dass religiöse Erfahrungen nicht nur im Denken oder Fühlen stattfinden, sondern auch eng mit dem Körper verbunden sind. Sie knüpfen hierbei an Forschung aus der Embodiment-Psychologie an, nach der körperliche Haltungen („postures“) mit bestimmten emotionalen und kognitiven Zuständen verbunden sind. Frühere Studien haben gezeigt, dass expansive Körperhaltungen, also offene, aufrechte u...

Qigong, der Glaube und die Wissenschaft

Vor gut einem Jahr erzählte mein Mann zwei Bekannten von uns, dass ich Qigong praktiziere, um mein vegetatives Nervensystem ins Gleichgewicht zu bringen. Die Bekannten wunderten sich darüber und warnten, dass Qigong nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar sei und dass man sich dadurch feindlichen Mächten öffne. In der Tat ist Qigong verbunden mit einem Lehrgebäude, das verschieden ist von der christlichen Vorstellung über die Quelle des Lebens und das Verhältnis des Menschen zur Natur. Qigong ist Teil der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) und basiert auf dem Konzept einer alles durchdringenden Energie oder Lebenskraft, dem Qi (ausgesprochen als „tschi“). Gong bedeutet Pflege, Kultivierung. In Wikipedia lesen wir: „Die chinesische Medizin geht davon aus, dass der Fluss des Qi, seine Qualitäten und seine Veränderungen für das Wohlbefinden oder das Auftreten von Krankheiten verantwortlich sind.“ In den Übungen, die ich anhand von Videos eines Kurses machte, war die Rede d...

Harald Lesch und der Sinn des Lebens

In der zweiten Folge der Doku-Reihe „Die großen Fragen“ mit Harald Lesch geht es um die Frage: „Was ist der Sinn des Lebens?“ Die Sendung ist ebenso wie die vorige sehr gut gemacht. Harald Lesch beleuchtet als Wissenschaftler von vielen Seiten die Frage nach dem Sinn des Lebens. Er beginnt mit der Beobachtung, dass der Mensch das einzige Lebewesen ist, das die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt. Nur wir Menschen sind uns unserer Vergänglichkeit bewusst. „Es gibt keine größeren Fragen als die nach dem Warum und Wozu.“ Das älteste uns bekannte Schriftzeugnis zur Sinnfrage ist das Gilgemesch-Epos, das vor fast 5000 Jahren auf sumerischen Keilschrifttafeln niedergeschrieben wurde. Der König Gilgamesch begibt sich nach dem Tod seines Freundes auf die Suche nach der Unsterblichkeit und erkennt schließlich, dass er sie nur gewinnt, wenn er die Herzen der Menschen gewinnt. So findet er schließlich den Sinn seines Lebens darin, ein guter König zu sein. Über die Jahrhunderte haben sich v...

Harald Lesch und die Frage nach Gott

Kürzlich strahlte das ZDF eine Terra X-Sendung mit Harald Lesch zur Frage „Gibt es Gott?“ aus. Harald Lesch ist bekannt dafür, dass er an Gott glaubt. Er hat sich zum Beispiel in einem Interview im Jahr 2010 als „Protestant vom Scheitel bis zur Sohle“ bezeichnet. Daher war ich sehr gespannt zu erfahren, was er in der Sendung sagt. Mein Eindruck ist gemischt: Die Sendung ist, wie man es bei Terra X gewohnt ist, gut gemacht, und es werden viele Aspekte der Frage nach Gott angeprochen: Die Feinabstimmung im Universum, die Komplexität biologischer Systeme, Krankenheilungen in Lourdes, das „religiöse Zentrum“ in unserem Gehirn, die Religiosität der Steinzeitmenschen, die Frage nach dem Leid und Gottesbeweise. Lesch stellt bei allen Themen beide Seiten dar: Argumente, die für Gott vorgebracht wurden und Gegenargumente. Einige seiner Aussagen sind dabei richtig gut: Die Beobachtung, dass die Stimulierung gewisser Hirnregionen mit religiösen Erfahrungen einhergeht, kommentiert er so (25:50...

Schrödingers Katze

Bestimmt haben Sie schon von Schrödingers Katze gehört, die gleichzeitig tot und lebendig ist. Diese Vorstellung geht auf ein Gedankenexperiment zurück, das der Physiker Erwin Schrödinger im Jahr 1935 vorschlug, um die paradoxen Seiten der Quantenmechanik aufzuzeigen. Auf der Wikipedia-Seite zu Schrödingers Katze findet man das Originalzitat: „ Man kann auch ganz burleske Fälle konstruieren. Eine Katze wird in eine Stahlkammer gesperrt, zusammen mit folgender Höllenmaschine (die man gegen den direkten Zugriff der Katze sichern muß): in einem Geigerschen Zählrohr befindet sich eine winzige Menge radioaktiver Substanz, so wenig, daß im Laufe einer Stunde vielleicht eines von den Atomen zerfällt, ebenso wahrscheinlich aber auch keines; geschieht es, so spricht das Zählrohr an und betätigt über ein Relais ein Hämmerchen, das ein Kölbchen mit Blausäure zertrümmert. Hat man dieses ganze System eine Stunde lang sich selbst überlassen, so wird man sich sagen, daß die Katze noch lebt, wenn in...

Fliegende Spaghettimonster und interplanetare Teekannen

Haben Sie vom fliegenden Spaghettimonster gehört? Ursprünglich wurde es als Scherz vom Physiker Bobby Henderson erfunden, als die Intelligent-Design-Bewegung forderte, dass ihre Sicht gleichberechtigt neben Evolution im Biologieunterricht behandelt werden soll. Henderson schrieb in einem offenen Brief an die Schulbehörde in Kansas, den er auf seiner Webseite postete, dass dann auch die von ihm vertretene Schöpfungslehre vom fliegenden Spaghettimonster gleichberechtigt gelehrt werden müsse. Diese Schöpfungslehre besage, dass das fliegende Spaghettimonster wie eine Portion Spaghetti mit Fleischbällchen aussieht , aber für uns unsichtbar und nicht nachweisbar ist. Als es die Welt erschuf, war es gerade betrunken. Deshalb ist die Welt unvollkommen und fehlerhaft. Um den Glauben seiner Anhänger zu testen, hat es scheinbare Indizien für Evolution in seine Schöpfung eingebaut. Mehr Information zum fliegenden Spaghettimonster findet man auf der betreffenden englischsprachigen Wikipedia-Seite ....