Babel oder Jerusalem? Papst Leo XIV. über das Menschsein im Zeitalter der KI

Dass Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika der Künstlichen Intelligenz widmet, überrascht nicht. Der Vatikan beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den ethischen Herausforderungen der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz. Hinzu kommt, dass der Papst Mathematik und Philosophie studierte, bevor er in den Augustinerorden eintrat und sich der Theologie zuwandte. Vor diesem Hintergrund macht er die Frage nach dem Menschen im Zeitalter der KI zum Thema seiner ersten Enzyklika.

Mit der Enzyklika Magnifica Humanitas legt Papst Leo XIV. allerdings weit mehr vor als eine Stellungnahme zur Künstlichen Intelligenz. Bereits der Titel macht dies deutlich. Magnifica Humanitas bedeutet „großartige Menschheit“ oder „großartiges Menschsein“. Gemeint ist damit die einzigartige Würde, die der Mensch als Ebenbild Gottes hat und die bewahrt werden muss: „Wir haben die dringende Pflicht, zutiefst menschlich zu bleiben und liebevoll jenes großartige Menschsein zu bewahren, das uns geschenkt ist und das in Christus in seiner ganzen Fülle offenbar wurde, und das keine Maschine in seiner Pracht jemals ersetzen kann.“ (MH 15, also Paragraph 15 aus Magnifica Humanitas.)

Den roten Faden der Enzyklika bildet eine Gegenüberstellung zweier biblischer Bilder: des Turmbaus zu Babel (Gen 11) und des Wiederaufbaus der Mauern Jerusalems (Neh 2-6). Der Turmbau zu Babel steht für die Verabsolutierung des Menschen, die Vergötterung des Profits, das Vertrauen auf Macht und Stolz. Beim Wiederaufbau der Stadtmauern Jerusalems dagegen geht es um den Schutz der Menschen, um ein Werk gemeinsamer Verantwortung, um Gemeinschaft, bei der Gott im Mittelpunkt steht. Für Leo XIV. steht die Menschheit heute vor der Wahl zwischen diesen beiden Bauvorhaben: verwenden wir die Technologie dafür, einen neuen Turm zu Babel zu errichten, oder um das Allgemeinwohl zu fördern? Dabei richtet er sich nicht nur an Christen, sondern ausdrücklich an „alle Menschen guten Willens“, die nach einer menschenwürdigen Gestaltung der technologischen Entwicklung suchen.

Leo XIV. stellt seine Überlegungen in die Tradition der katholischen Soziallehre. Bereits Leo XIII. reagierte mit Rerum Novarum auf die sozialen Herausforderungen der Industrialisierung. In ähnlicher Weise versteht Leo XIV. die digitale Revolution als die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Ausgangspunkt der Soziallehre der katholischen Kirche ist die Überzeugung, dass jeder Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist. Seine Würde hängt daher weder von seinen Fähigkeiten noch von seinem gesellschaftlichen Status ab, sondern gründet in der bedingungslosen Liebe Gottes. Aus dieser unantastbaren Würde leitet der Papst die Menschenrechte und die zentralen Prinzipien der Soziallehre ab. An erster Stelle steht das Gemeinwohl, das sowohl den Zusammenhalt und die Gerechtigkeit innerhalb einer Gesellschaft als auch die Verantwortung gegenüber der gesamten Menschheitsfamilie umfasst. Eng damit verbunden ist die allgemeine Bestimmung der Güter: Boden, Wasser, Luft und natürliche Ressourcen sind allen Menschen geschenkt. Zwar verteidigt die Kirche das Recht auf Privateigentum, doch bleibt dieses stets dem Wohl aller untergeordnet. Im digitalen Zeitalter gilt dies nach Auffassung des Papstes auch für neue Formen des Eigentums wie Patente, Algorithmen, Plattformen, technologische Infrastrukturen und Daten (MH 66).

Ein weiteres zentrales Prinzip ist die Subsidiarität. Entscheidungen sollen möglichst dort getroffen werden, wo Menschen unmittelbar Verantwortung übernehmen können, statt von übergeordneten Instanzen an sich gezogen zu werden. Für die digitale Revolution bedeutet dies mehr Transparenz, Rechenschaftspflicht und echte Beteiligungsmöglichkeiten. Ergänzt wird dies durch das Solidaritätsprinzip: Entscheidungen über Daten, Algorithmen und Künstliche Intelligenz dürfen nicht nur den Interessen weniger dienen, sondern müssen auch ihre Auswirkungen auf die gesamte Menschheit und auf kommende Generationen berücksichtigen.

Als fünftes Prinzip der Soziallehre nennt der Papst soziale Gerechtigkeit. Der Maßstab einer Gesellschaft sei ihr Umgang mit den Schwächsten: mit Armen, Migranten, Flüchtlingen und allen Menschen an den Rändern der Gesellschaft. Eine gerechte digitale Ordnung müsse daher allen faire Chancen eröffnen, die Verletzlichsten schützen und sicherstellen, dass nicht Profit, sondern die Würde des Menschen und das Wohl der Völker bestimmende Faktoren politischen und wirtschaftlichen Handelns bleiben.

Das dritte Kapitel trägt den Titel „Technik und Herrschaft“. Besonders eindringlich warnt der Papst hier vor der Konzentration technologischer Macht. Während frühere industrielle Revolutionen vor allem von Staaten geprägt wurden, werde die technologische Entwicklung heute in hohem Maß von privaten, oft transnationalen Akteuren vorangetrieben. Dadurch entstehe eine Macht, die schwerer zu kontrollieren sei als jede frühere Form wirtschaftlicher Dominanz. Algorithmen, Plattformen, Datenbestände und digitale Infrastrukturen seien inzwischen so einflussreich, dass sie ganze Gesellschaften prägen könnten. Deshalb fordert die Enzyklika Transparenz, demokratische Kontrolle und geeignete Regulierungsinstrumente. Man dürfe nicht zulassen, dass wenige Akteure die Prozesse allein lenken. Und man dürfe auch nicht zulassen, dass KI Entscheidungen fällt, die das Schicksal von Menschen bestimmen, denn (MH 99)

„Sogenannte Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet. Sie haben auch kein moralisches Gewissen: Sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse, sie erkennen nicht den eigentlichen Sinn von Situationen und sie nehmen die Last der Konsequenzen nicht auf sich.“

Hierbei kritisiert Leo XIV. insbesondere transhumanistische und posthumanistische Strömungen, die den Menschen technisch optimieren oder gar überwinden wollen. Doch (MH 117)

„wenn der Mensch als Material behandelt wird, das man vervollkommnen oder überwinden muss, dann wird es leichter akzeptabel, dass einige Menschen als weniger nützlich, weniger liebenswert, weniger würdig angesehen werden. Im Namen des Fortschritts kann man ‚notwendige Opfer’ in Betracht ziehen und so die Schwächsten den Preis für eine vermeintliche Optimierung der Spezies zahlen lassen.“

Dem stellt Leo XIV. konkrete Vorbilder entgegen, wie z.B. Martin Luther King, Mutter Teresa, Nelson Mandela, Elisabeth Elliot und Maximilian Kolbe. Sie zeigen, dass nicht technische Selbstoptimierung, sondern Liebe, Versöhnung und Opferbereitschaft die Geschichte verändern. Für den Papst verweist dies auf das eigentliche „Transhumane“: die Verwandlung des Menschen durch den Heiligen Geist (MH128-9):

„Seit Jahrhunderten macht die christliche Tradition geltend, dass der Mensch nicht auf die Grenzen seiner Natur beschränkt ist, sondern dazu berufen, sich selbst zu übersteigen: nicht um der Wirklichkeit zu entfliehen oder um Begrenzungen zu missachten, sondern um in der Liebe vollendet zu werden. (…) Diese Verwandlung ist das Werk des Heiligen Geistes. »Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden« ( 2 Kor 5,17).«“

Im vierten Kapitel konzentriert sich der Papst auf drei konkrete Herausforderungen, vor die der digitale Wandel uns stellt: die Wahrheit wieder als Gemeingut zu entdecken, die Würde der Arbeit zu schützen und die Freiheit vor jeglicher Abhängigkeit und Kommerzialisierung zu bewahren. Der Papst sieht in der digitalen Welt die Gefahr einer zunehmenden Verwirrung über das, was wahr ist. Künstliche Intelligenz kann Texte, Bilder und Videos erzeugen, die kaum noch von echten Inhalten zu unterscheiden sind. Aber wer nicht mehr zwischen Wahrheit und Täuschung unterscheiden kann, verliert die Fähigkeit zu verantwortlichen Entscheidungen. Deshalb betont die Enzyklika die Bedeutung von Bildung, Medienkompetenz und persönlicher Urteilsfähigkeit.

In Bezug auf die Arbeit betont Leo XIV., dass sie weit mehr als ein wirtschaftlicher Faktor ist: In ihr entfaltet der Mensch seine Fähigkeiten, übernimmt Verantwortung, trägt zum Gemeinwohl bei und wirkt am Schöpfungsauftrag Gottes mit. Arbeit ist deshalb nicht bloß Mittel zum Zweck, sondern „ein ordentlicher Weg zu persönlicher Reife, Entwicklung und Erfüllung“ (MH 149). Die durch KI, Automatisierung und Robotik ausgelösten Veränderungen der Arbeitswelt bieten zwar die Chance, Menschen von gefährlichen, monotonen oder besonders belastenden Tätigkeiten zu entlasten. Zugleich unterliegen Arbeitnehmer jedoch der Gefahr, mit dem Tempo des technologischen Wandels nicht Schritt halten zu können und ihre Arbeit zu verlieren oder in prekäre Beschäftigungsverhältnisse abzurutschen. Der Papst befürchtet deshalb eine weitere Polarisierung des Arbeitsmarktes: auf der einen Seite wenige hochqualifizierte Fachkräfte mit hohen Einkommen, auf der anderen Seite eine wachsende Zahl von Menschen, deren Arbeit entwertet wird oder ganz verschwindet. Weil Arbeit jedoch nicht nur dem Lebensunterhalt dient, sondern wesentlich zur Entfaltung der menschlichen Person beiträgt, müsse der Zugang zu sinnvoller und menschenwürdiger Arbeit ein zentrales Ziel politischen und wirtschaftlichen Handelns bleiben.

Bezüglich der Freiheit warnt der Papst davor, dass digitale Plattformen gezielt menschliche Schwächen ausnutzen, um Aufmerksamkeit zu binden, und dass die Auswertung großer Datenmengen neue Möglichkeiten der Überwachung und Verhaltenssteuerung schafft. Zugleich erinnert er daran, dass die digitale Welt keineswegs immateriell ist: KI-Systeme benötigen enorme Mengen an Energie und Wasser und beruhen auf globalen Lieferketten, die oft von Ausbeutung, prekären Arbeitsbedingungen und sogar moderner Sklaverei geprägt sind. Deshalb fordert der Papst mehr Transparenz und eine Technologieentwicklung, die Freiheit, Menschenwürde und Gerechtigkeit achtet.

Im fünften Kapitel weitet Leo XIV. den Blick von den unmittelbaren Folgen der digitalen Revolution auf die großen politischen und kulturellen Herausforderungen der Gegenwart. Im Mittelpunkt steht dabei die Alternative zwischen einer „Kultur der Macht“ und einer „Zivilisation der Liebe“. Die Kultur der Macht zeigt sich für den Papst in einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaften, in der Verherrlichung von Stärke und in der Bereitschaft, Konflikte und Gewalt als normale Mittel der Politik zu akzeptieren. Mit Sorge beobachtet er eine „bemerkenswerte geistige und kulturelle Blindheit“ (MH 204), in der vieles, was früher als inakzeptabel galt, heute nahezu widerspruchslos hingenommen wird. Besonders deutlich werde dies an der fortschreitenden Normalisierung des Krieges und an neuen Formen hybrider Konflikte, in denen militärische, wirtschaftliche, digitale und informationelle Mittel miteinander verschmelzen. Künstliche Intelligenz könne diese Entwicklung noch verschärfen, indem sie Kriegsführung beschleunigt, Verantwortung verschleiert und die Schwelle zum Einsatz von Gewalt senkt. Deshalb dürften Entscheidungen über Leben und Tod niemals an Maschinen delegiert werden (MH 182).

Der Kultur der Macht stellt der Papst die Vision einer „Zivilisation der Liebe“ entgegen, einen Begriff, den bereits Paul VI. geprägt hat. Leo XIV. warnt davor, angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in Resignation zu verfallen. Niemand könne sich mit dem Hinweis auf die Macht großer Institutionen, wirtschaftlicher Interessen oder technologischer Systeme seiner Verantwortung entziehen. Auch einzelne Menschen können Widerstand gegen das Böse leisten. Wer die Wahrheit sucht, für Gerechtigkeit eintritt, sich nicht an Hass und Polarisierung beteiligt und die Perspektive der Opfer einnimmt, trägt bereits zum Aufbau einer friedlicheren und menschlicheren Gesellschaft bei. Gerade in einer immer stärker vernetzten Welt müsse die gegenseitige Abhängigkeit der Völker zu einer bewusst gewählten Solidarität werden. Deshalb wirbt der Papst für Dialog statt Konfrontation, für Diplomatie statt Gewalt und für die Bereitschaft, Frieden als gemeinsame Aufgabe aller Menschen zu verstehen. Frieden sei keine naive Hoffnung, sondern die Frucht von Gerechtigkeit, Versöhnung und Nächstenliebe.

Durch die gesamte Enzyklika zieht sich das Bild des eingangs erwähnten Wideraufbaus Jerusalems. Doch Leo XIV. erinnert am Ende daran, dass die Stadt Gottes nicht allein das Werk menschlicher Anstrengung ist. Wie das Neue Jerusalem der Offenbarung wird ihre Vollendung Geschenk Gottes bleiben. „Während wir auf die Erfüllung dieser Vision warten, ist sie für uns eine Ermahnung, ein Aufruf, unsere Spaltungen zu überwinden und zusammenzuarbeiten: Dies ist der Weg Jesu Christi, gestern, heute und immerdar.“ (MH 242)


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