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Sterne haben eine Geschichte

Im ersten Kapitel der Bibel heißt es, dass Gott am vierten Schöpfungstag die Sonne, den Mond und die Sterne schuf. Junge-Erde-Kreationisten verstehen diesen Text so, dass alle Sterne an einem einzigen Tag vor ungefähr 10.000 Jahren erschaffen wurden. Die Astrophysik ist jedoch zu ganz anderen Erkenntnissen gelangt. Nach heutigem Verständnis entstehen Sterne fortlaufend und entwickeln sich über sehr lange Zeiträume. Ob diese Vorstellung zutrifft, lässt sich anhand der beobachtbaren Eigenschaften der Sterne überprüfen. Schauen wir uns deshalb die verschiedenen Lebensstadien der Sterne genauer an. Den heutigen Modellen zufolge bilden sich Sterne in kalten Gas- und Staubwolken, die überwiegend aus Wasserstoff bestehen, daneben aber auch Helium und geringe Mengen anderer chemischer Elemente enthalten. Dichteschwankungen führen dazu, dass die Schwerkraft einzelne Bereiche der Wolke immer weiter zusammenzieht. Während die Gaswolke kollabiert, steigen Druck und Temperatur in ihrem Inneren an...

Im Gedächtnis bewahrt: Die jüdischen Wurzeln der Evangelien

  Um zu verstehen, wie die Ü berlieferung über Jesus in de r Anfangszeit des Christentums bewahrt wurde, lohnt ein Blick auf die jüdische Lernkultur des 1. Jahrhunderts. Einen wichtigen Beitrag dazu leistete der schwedische Neutestamentler Birger Gerhardsson in seiner 1961 veröffentlichten D oktorarbeit Memory and Manuscript . Gerhardssons Dissertation gehört bis heute zu den gründlichsten Untersuchungen zur jüdischen Traditionsweitergabe und ihrer Bedeutung für die Überlieferung der Worte und Taten Jesu. Mit seiner Dissertation Jesus als Lehrer (1981) vertiefte Rainer Riesner diesen Forschungsansatz und untersuchte, wie Jesus im jüdischen Bildungs- und Lehrbetrieb seiner Zeit gelehrt hat und wie seine Jünger ausgebildet wurden. Die folgenden Ausführungen basieren auf diesen beiden Doktorarbeiten und dem kleinen Buch Jesus und seine Schüler (1991) von Franz Stuhlhofer. Im Zentrum des jüdischen Lebens stand die Torah. Im engeren Sinn sind damit die fünf Bücher Mose gemeint; im ...

Missing Links: Was zeigen die Fossilien?

Als ich aufwuchs, verbreiteten sich in christlichen Kreisen evolutionskritische Bücher. Ich erinnere mich noch daran, dass in diesen Büchern vor allem auf „Missing Links“ hingewiesen wurde, also Übergangsfossilien zwischen verschiedenen Lebensformen, die es gemäß der Evolutionstheorie geben müsste, aber die man nicht gefunden hat. Darwin hatte angeblich große Sorgen gehabt, dass die von seiner Theorie postulierten Übergangsformen nicht existieren und dass seine Theorie dadurch zu Fall kommen könnte. In der Tat schrieb Darwin in „The Origin of Species“ im Kapitel „On the Imperfection of the Geological Record“ folgendes: „Warum ist nicht jede geologische Formation und jede Schicht voll von solchen intermediären Gliedern? Die Geologie enthüllt uns sicherlich keine fein abgestufte organische Kette; und dies ist vielleicht der offensichtlichste und schwerwiegendste Einwand gegen meine Theorie.“ Doch dann fährt er fort: „Meines Erachtens liegt die Erklärung in der extremen Unvollständigkeit...

Wie zuverlässig sind unsere Erinnerungen?

Was ist Ihre früheste Kindheitserinnerung? Vielleicht sehen Sie die Szene noch klar vor sich: ein Zimmer, ein Gesicht, Ihr Gefühl der Freude oder Angst. Aber woher wissen Sie eigentlich, dass diese Erinnerung wirklich so geschehen ist? Könnte es sein, dass einzelne Details später ergänzt, verschoben oder unbewusst aus Erzählungen anderer übernommen wurden? Dass das Gedächtnis unzuverlässig ist, wird besonders denjenigen bewusst, die versuchen, ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Angela Merkel hat mehrfach darauf hingewiesen, dass sie sich beim Schreiben ihrer Autobiographie „Freiheit“ nicht allein auf ihr Gedächtnis verlassen wollte. Kalender, Akten und Notizen halfen ihr dabei, Abläufe zu rekonstruieren und Erinnerungen zu überprüfen. Im Epilog ihres Buchs schreibt sie: „Wer einmal versucht hat, sich an Ereignisse zu erinnern, die nur fünf oder zehn Jahre zurückliegen, nicht oberflächlich, sondern ernsthaft, tatsächliche oder vermeintliche Erinnerungen mit Fakten abzugleichen...

Was ist dunkle Materie?

Kaum ein Begriff der modernen Physik hat so viele Missverständnisse hervorgebracht wie die dunkle Materie. Weil sie unsichtbar ist und ihre Natur bis heute unbekannt bleibt, wurde die dunkle Materie immer wieder Gegenstand esoterischer Spekulationen. Manche Autoren brachten sie mit spirituellen Realitäten, kosmischem Bewusstsein oder göttlichen Kräften in Verbindung. Mit der wissenschaftlichen Bedeutung des Begriffs hat dies jedoch nichts zu tun. Der Begriff „dunkel“ bedeutet in diesem Zusammenhang lediglich, dass diese Materie kein Licht aussendet, weil sie nicht mit elektromagnetischer Strahlung wechselwirkt. Sie ist nicht geheimnisvoll, übernatürlich oder spirituell. Wenn sie existiert, dann gehört sie vollständig zur physikalischen Welt und unterliegt denselben Naturgesetzen wie Sterne, Planeten und Galaxien. Interessanterweise entstand die Idee der dunklen Materie nicht aus theoretischen Überlegungen, sondern aus Messungen. Astronomen stellten immer wieder fest, dass die Gravita...

Die Macht unserer Erwartungen

Sie haben bestimmt schon vom Placebo-Effekt gehört: Wenn wir erwarten, dass ein Medikament wirkt, kann das allein schon in unserem Körper Prozesse auslösen, die die Heilung fördern. In seinem Buch „The Expectation Effect“ berichtet der Wissenschaftsjournalist David Robson, dass Placebos dieselben biologischen Mechanismen aktivieren können wie echte Medikamente. Bei Schmerzen etwa setzt der Körper unter dem Einfluss positiver Erwartungen körpereigene Opioide, insbesondere Endorphine, frei. Dass dies keine bloße Einbildung ist, zeigte sich in Experimenten bei denen ein Wirkstoff gegeben wurde, der Opioidrezeptoren im Gehirn blockiert. Der Placebo-Effekt verschwand daraufhin. Bei Parkinson-Patienten wurde folgendes beobachtet: Wenn die Patienten glaubten, ein wirksames Medikament erhalten zu haben, stieg die Dopamin-Ausschüttung im Gehirn messbar an, also genau jener Botenstoff, dessen Mangel die Krankheit kennzeichnet. Placebo-Effekte wurden außerdem bei Depressionen, Reizdarmsyndrom,...

Babel oder Jerusalem? Papst Leo XIV. über das Menschsein im Zeitalter der KI

Dass Papst Leo XIV. seine erste Enzyklika  der Künstlichen Intelligenz widmet, überrascht nicht. Der Vatikan beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den ethischen Herausforderungen der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz. Hinzu kommt, dass der Papst Mathematik und Philosophie studierte, bevor er in den Augustinerorden eintrat und sich der Theologie zuwandte. Vor diesem Hintergrund macht er die Frage nach dem Menschen im Zeitalter der KI zum Thema seiner ersten Enzyklika. Mit der Enzyklika Magnifica Humanitas legt Papst Leo XIV. allerdings weit mehr vor als eine Stellungnahme zur Künstlichen Intelligenz. Bereits der Titel macht dies deutlich. Magnifica Humanitas bedeutet „großartige Menschheit“ oder „großartiges Menschsein“. Gemeint ist damit die einzigartige Würde, die der Mensch als Ebenbild Gottes hat und die bewahrt werden muss: „Wir haben die dringende Pflicht, zutiefst menschlich zu bleiben und liebevoll jenes großartige Menschsein zu bewahren, das uns gesch...

Was alte DNA über die Vergangenheit der Menschheit erzählt

Noch vor wenigen Jahrzehnten wusste man über die Herkunft der Europäer vorwiegend aus der Archäologie. Man verglich Werkzeuge, Keramik oder Begräbnissitten und versuchte daraus Wanderungen und kulturelle Veränderungen zu rekonstruieren. Heute können Forscher zusätzlich etwas ganz anderes untersuchen: die DNA von Menschen, die vor tausenden oder sogar zehntausenden Jahren gelebt haben. Knochen und Zähne aus Höhlen, Gräbern und archäologischen Ausgrabungsstätten enthalten oft noch lesbares Erbgut, auch wenn es in kleine Fragmente zerteilt. Allerdings müssen diese zuerst von einer viel größeren Menge nichtmenschlicher DNA getrennt werden, die von Mikroben stammt, die nach dem Tod die Knochen besiedeln. Wenn man dieses alte Erbgut mit dem Erbgut heutiger Menschen vergleicht, lassen sich erstaunlich genaue Informationen über Abstammung, Wanderungen und Vermischungen gewinnen. Dadurch erscheint die Geschichte Europas heute ganz anders als noch vor zwanzig Jahren. Eine Schlüsselrolle spielte...

Wie die Körperhaltung das Beten beeinflusst

Wenn Menschen beten, tun sie das nicht nur mit Worten oder Gedanken. Sie tun es auch mit ihrem Körper: Sie knien, werfen sich nieder oder stehen mit erhobenen Händen. Oder sie sitzen, beugen den Kopf und falten die Hände. Die Psychologie stellt hier eine interessante Frage: Welche Verbindung besteht zwischen diesen Körperhaltungen und dem inneren Erleben des Gebets? Dieser Frage geht eine aktuelle Studie nach, die 2024 unter dem Titel „Kneel, stand, prostrate: The psychology of prayer postures in three world religions“ in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht wurde. Die Autoren gehen davon aus, dass religiöse Erfahrungen nicht nur im Denken oder Fühlen stattfinden, sondern auch eng mit dem Körper verbunden sind. Sie knüpfen hierbei an Forschung aus der Embodiment-Psychologie an, nach der körperliche Haltungen („postures“) mit bestimmten emotionalen und kognitiven Zuständen verbunden sind. Frühere Studien haben gezeigt, dass expansive Körperhaltungen, also offene, aufrechte u...

Dogmatismus in der Biologie

In den vergangenen Jahrzehnten hatte ich mehrere Forschungsprojekte in der Biologie. Dabei fiel mir ein Unterschied zur Physik auf: In der Biologie schienen bestimmte Auffassungen erstaunlich lange als nahezu unangreifbar zu gelten. Besonders in der Evolutionsbiologie hatte ich mehrfach den Eindruck, dass alternative Ideen zunächst beinahe reflexartig abgewehrt wurden, wenn sie den von bestimmten Autoritätspersonen vertretenen Lehrmeinungen widersprachen. Einer meiner Biologie-Kollegen sprach in diesem Zusammenhang von „Platzhirschen“. Mit Interesse habe ich deshalb beobachtet, wie sich bei mehreren Themen im Laufe der Jahre die wissenschaftliche Stimmung allmählich wandelte. Im Folgenden möchte ich drei solche Beispiele betrachten: 1. die Frage der sympatrischen Artbildung, 2. die Diskussion um Gruppenselektion und 3. die Durchlässigkeit der Weismann-Barriere. Früher galt in der Evolutionsbiologie fast als selbstverständlich, dass neue Arten nur durch geografische Trennung entstehe...