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Das Grabtuch von Turin

In letzter Zeit wurde ich mehrfach auf das Grabtuch von Turin hingewiesen. Einige betrachten es als Beleg der Auferstehung Jesu, andere wollen aus der DNA, die man auf diesen Grabtuch findet, die Jungfrauengeburt nachweisen. Was ist dran an diesem Grabtuch? Das Grabtuch von Turin ist ein ca. 4,4 mal 1,1 Meter großes Leinentuch, das ein Ganzkörper-Bildnis der Vorder- und Rückseite eines Menschen zeigt, der Spuren von Geißelung und Kreuzigung trägt. Es wird im Turiner Dom aufbewahrt und gilt vielen als Leichentuch Jesu Christi, während Wissenschaftler über Echtheit oder mittelalterliche Herstellung debattieren. Die erste nachgewiesene Erwähnung des Grabtuchs findet man im 14. Jahrhundert. Es gibt allerdings mehrere umstrittene Hinweise und Theorien, dass es schon früher existiert haben könnte. In den 1350er Jahren tauchte das Tuch in dem kleinen Ort Lirey in der Champagne in Frankreich auf, nahe Troyes. Dort gründete der Ritter Geoffroi de Charny eine Stiftskirche, in der das Tuch öff...

Der Templeton-Preisträger 2026: Simon Conway Morris

Der britische Paläontologe Simon Conway Morris wird in diesem Jahr mit dem Templeton-Preis ausgezeichnet . Der Templeton-Preis ist einer der am höchsten dotierten Preise weltweit und wird an Persönlichkeiten verliehen, die die Möglichkeiten der Wissenschaft nutzen, um den großen Fragen nach dem Universum und der Rolle und Bestimmung des Menschen darin nachzugehen. Nicht wenige der bisherigen Preisträger haben wichtige Beiträge zum Verhältnis von Wissenschaft und Glauben geleistet, und einige von ihnen durfte ich sogar persönlich kennenlernen. Zu ihnen gehört auch Simon Conway Morris. Geboren 1951 in England, entwickelte er früh ein Interesse an Fossilien und studierte in Bristol Geologie mit Schwerpunkt Paläontologie, ein Feld, das sich mit den Spuren vergangenen Lebens beschäftigt. Danach ging er nach Cambridge, wo er promovierte und später Professor für evolutionäre Paläobiologie wurde. Internationale Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine Arbeiten zum Burgess-Schiefer ...

Emmy Noether und die menschliche Seite der Wissenschaft

In diesem Semester halte ich eine Vorlesung zur Theoretischen Physik für Lehramtsstudierende. Vor einer Woche behandelte ich das Noether-Theorem, das eine fundamentale Rolle in der modernen Physik spielt. Es ist nach der Mathematikerin Emmy Noether benannt. Als ich mich über ihre Lebensgeschichte informierte, beeindruckte mich diese Persönlichkeit sehr, nicht nur als herausragende Wissenschaftlerin, sondern auch als Mensch. Auch wenn wir keine Hinweise darauf haben, dass sie ihren jüdischen Glauben aktiv praktiziert oder sich ausdrücklich dazu geäußert hat, wird in vielen Berichten über sie deutlich, welche Haltung sie gelebt hat: eine bemerkenswerte Selbstlosigkeit, eine extreme Großzügigkeit im Umgang mit anderen, eine tiefe Freude an gemeinsamer Erkenntnis und eine konsequente Bescheidenheit gegenüber Ruhm und Status. Wer war diese Frau, die unter schwierigen Bedingungen arbeitete, die Mathematik revolutionierte und dabei vielen Menschen in Erinnerung blieb, und das nicht nur wegen...

War Louis Pasteur ein Kreationist?

Als ich neulich im Internet eine Suchanfrage zu dem berühmten Chemiker Louis Pasteur (1822-1895) machte, staunte ich nicht schecht, als einer der ersten Treffer eine kreationistische Webseite war. Louis Pasteur hatte gezeigt, dass Mikroorganismen nicht spontan entstehen, sondern nur durch Vermehrung schon vorhandener Mikroorganismen. Darauf verweisen Kreationisten, um zu argumentieren, dass das Leben auf der Erde nicht aus unbelebter Materie entstanden sein kann. Pasteur hat damit aus ihrer Sicht Evolution widerlegt, und deshalb wird er von ihnen vereinnahmt, zumal er sich auch skeptisch gegenüber der damals ganz neuen Theorie Darwins äußerte. Bevor wir diskutieren, ob Pasteur als Kreationist verstanden werden kann, sollten wir den Begriff klären: In einem allgemeinen Sinn sind alle, die glauben, dass Gott der Schöpfer der Welt und des Lebens ist, Kreationisten. In diesem Sinne bin ich es auch. Schon der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin lehrte, dass wir zwischen Erst- und Z...

Francesco Redi, die Kirche und die Lehre von der Spontanzeugung

In der Antike und im Mittelalter war der Glaube, dass gewisse Lebewesen spontan entstehen können, weit verbreitet. Diese sogenannte Spontanzeugung schien durch Beobachtung belegt: In verwesendem Fleisch bilden sich Maden, nach der Überflutung der Nilufer kommen Frösche aus dem Schlamm, und in Kornspeichern wimmelt es auf einmal von Mäusen. So lehrte zum Beispiel der berühmte griechische Philosoph Aristoteles (4. Jh. v. Chr.), der die belebte Natur intensiv untersuchte, in seinen biologischen Schriften die Spontanzeugung, insbesondere bei Insekten. Da Insekteneier mit bloßem Auge kaum zu erkennen und zudem oft gut versteckt sind, wusste man damals von vielen Insektenarten nicht, dass sie Eier legen. Da es keinen Grund gab, an der Spontanzeugung zu zweifeln, wurde die Lehre von der Spontanzeugung schon von der frühen Kirche in die christliche Theologie integriert. Im Unterschied zu Aristoteles betrachteten die Kirchenväter aber die spontane Entstehung von Lebewesen nicht als etwas, was d...

Nachruf auf Jane Goodall

Am 1. Oktober starb die berühmte Schimpansenforscherin Jane Goodall. Ihre Forschung revolutionierte unsere Sicht auf Menschenaffen und zeigte, dass sie uns in mehrerer Hinsicht ähnlicher sind, als wir dachten. Jane Goodall wurde im Jahr 1934 in London geboren und wuchs an der englischen Südküste auf. Nach der Schule arbeitete Goodall zunächst als Sekretärin, da sie sich ein Universitätsstudium nicht leisten konnte. 1957 erfüllte sie sich jedoch ihren Kindheitstraum und reiste nach Afrika, wo sie den bekannten Paläoanthropologen Louis Leakey kennenlernte. Leakey erkannte ihr außergewöhnliches Beobachtungstalent und schickte sie 1960 nach Tansania, um das Verhalten wildlebender Schimpansen im Gombe-Stream-Nationalpark zu erforschen. Mit viel Geduld gewann sie das Vertrauen der Schimpansen und konnte die Tiere aus nächster Nähe beobachten. Sie entdeckte, dass Schimpansen Werkzeuge herstellen und gezielt einsetzen. Sie benutzen Grashalme, um Termiten aus ihren Bauten zu fischen, und verw...

Glaubte man im Mittelalter wirklich an die flache Erde?

Haben Sie auch in der Schule gelernt, dass Christopher Kolumbus von kirchlichen Vertretern gewarnt wurde, er würde nicht Indien erreichen, sondern vom Rand der Erde herunterfallen, wenn er immer weiter nach Westen segeln würde? Diese Geschichte ist erfunden, doch sie tauchte ab ca. dem Jahr 1880 in Schulbüchern auf und hat sich bis heute gehalten. Wie entstand dieser Mythos, wieso ist er so weit verbreitet, und was wussten gebildete Menschen und Kirchenvertreter im Mittelalter tatsächlich über die Gestalt der Erde? Dass die Erde eine Kugel ist, wussten die griechischen Denker schon einige Jahrhunderte vor Christus. Pythagoras und Platon glaubten beide an die Kugelgestalt der Erde. Aristoteles brachte im 4. Jahrhundert v. Chr. ein einfaches Argument dafür: die Erde wirft bei Mondfinsternissen einen runden Schatten auf den Mond. Eratosthenes berechnete im 3. Jahrhundert v. Chr. sogar den Erdumfang: Er beobachtete, dass in Assuan zur Sommersonnenwende ein Brunnen komplett beleuchtet war...

Wunder im Alten Testament

Wunderberichte sind für mich als Physikerin eine Herausforderung. Es scheint nicht stimmig, dass Gott die Welt gesetzmäßig geschaffen hat und dann immer wieder die von ihm verordneten Gesetze übertritt. Daher bin ich zunächst skeptisch, wenn ich eine Wundergeschichte höre oder lese. Es muss schon einen tieferen Grund für die Abweichung vom normalen Ablauf der Natur geben, damit ich ein Wunder akzeptiere. C.S. Lewis verglich Gott einmal mit einem Dichter, der sich für sein Werk ebenso wie Gott Gesetze vorgibt: das Reimschema und den Rhythmus. Wenn der Dichter an einer Stelle davon abweicht, dann will er damit einen besonderen Effekt erzielen oder etwas Besonderes ausdrücken (vorausgesetzt er ist kein schlechter Dichter, der es einfach nicht besser kann). Er folgt sozusagen der tieferen Logik seines Werks. Mit den Wundern, die Jesus tat, habe ich deswegen keine Probleme, weil ich einen tieferen Grund für sie sehe: sie sind ein Vorgeschmack der neuen Schöpfung ohne Krankheit und Leid, di...

Ein frommer Saurierforscher

 Friedrich Freiherr von Huene, seit 1898 Professor für Paläontologie in Tübingen, war zu seiner Zeit der führende Experte für fossile Reptilien und Amphibien in Europa und war weltweit insbesondere als Fachmann für Dinosaurier bekannt (so der Wikipedia-Eintrag zu seiner Person). Gleichzeitig war er ein gläubiger Christ, der die ganze Bibel als Gottes Wort betrachtete. Im Jahr 1937 schrieb er ein Büchlein mit dem Titel „Weg und Werk Gottes in Natur und Bibel“, in dem er seinen Mitchristen aufzeigt, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Erdgeschichte und der Entwicklung des Lebens und des Menschen „Tatsachen“ sind, und erläutert, wie sie mit der biblischen Schöpfungs- und Heilsgeschichte zusammenpassen. Dieses Büchlein konnte ich gebraucht über das Internet bestellen und möchte einige Gedanken daraus weitergeben. Das Vorwort schrieb Huenes Kollege Karl Heim von der Fakultät für evangelische Theologie. Dort heißt es: In der Gemeinde der Gläubigen sind heute viele von der Fra...

Qigong, der Glaube und die Wissenschaft

Vor gut einem Jahr erzählte mein Mann zwei Bekannten von uns, dass ich Qigong praktiziere, um mein vegetatives Nervensystem ins Gleichgewicht zu bringen. Die Bekannten wunderten sich darüber und warnten, dass Qigong nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar sei und dass man sich dadurch feindlichen Mächten öffne. In der Tat ist Qigong verbunden mit einem Lehrgebäude, das verschieden ist von der christlichen Vorstellung über die Quelle des Lebens und das Verhältnis des Menschen zur Natur. Qigong ist Teil der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) und basiert auf dem Konzept einer alles durchdringenden Energie oder Lebenskraft, dem Qi (ausgesprochen als „tschi“). Gong bedeutet Pflege, Kultivierung. In Wikipedia lesen wir: „Die chinesische Medizin geht davon aus, dass der Fluss des Qi, seine Qualitäten und seine Veränderungen für das Wohlbefinden oder das Auftreten von Krankheiten verantwortlich sind.“ In den Übungen, die ich anhand von Videos eines Kurses machte, war die Rede d...

Wer oder was hat mich geheilt?

Vor wenigen Wochen habe ich mich bei meinem Arbeitgeber, der TU Darmstadt, wieder gesund gemeldet – nach 21 Monaten Krankschreibung. Ich bin zwar noch längst nicht so leistungsfähig wie vor der Erkrankung an Long Covid und benötige regelmäßige Ruhepausen, aber ich kann wieder arbeiten und am Leben teilhaben. Fast 15 Monate lang war ich durch die Krankheit so stark eingeschränkt, dass ich nicht Fahrrad fahren und nicht weit gehen konnte. Auch das Stehen war anstrengend, so dass ich das Zähneputzen und Waschen immer im Sitzen machte. Ich war bis auf Taxifahrten zu Ärzten oder zum Friseur weitgehend an die Wohnung gebunden. Mein Mann machte fast den gesamten Haushalt. Zeitenweise konnte ich noch nicht einmal zum Essen in die Küche kommen und dort auf dem Hocker sitzen. Auch der Weg vom Sofa ins Bad war dann so anstrengend, dass ich ihn so selten wie möglich machte. (Ich berichtete im Januar vergangenen Jahres von der ersten Zeit meiner Erkrankung.) Zweimal war ich im Krankenhaus. Ich füh...