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Sterne haben eine Geschichte

Im ersten Kapitel der Bibel heißt es, dass Gott am vierten Schöpfungstag die Sonne, den Mond und die Sterne schuf. Junge-Erde-Kreationisten verstehen diesen Text so, dass alle Sterne an einem einzigen Tag vor ungefähr 10.000 Jahren erschaffen wurden. Die Astrophysik ist jedoch zu ganz anderen Erkenntnissen gelangt. Nach heutigem Verständnis entstehen Sterne fortlaufend und entwickeln sich über sehr lange Zeiträume. Ob diese Vorstellung zutrifft, lässt sich anhand der beobachtbaren Eigenschaften der Sterne überprüfen. Schauen wir uns deshalb die verschiedenen Lebensstadien der Sterne genauer an. Den heutigen Modellen zufolge bilden sich Sterne in kalten Gas- und Staubwolken, die überwiegend aus Wasserstoff bestehen, daneben aber auch Helium und geringe Mengen anderer chemischer Elemente enthalten. Dichteschwankungen führen dazu, dass die Schwerkraft einzelne Bereiche der Wolke immer weiter zusammenzieht. Während die Gaswolke kollabiert, steigen Druck und Temperatur in ihrem Inneren an...

Was ist dunkle Materie?

Kaum ein Begriff der modernen Physik hat so viele Missverständnisse hervorgebracht wie die dunkle Materie. Weil sie unsichtbar ist und ihre Natur bis heute unbekannt bleibt, wurde die dunkle Materie immer wieder Gegenstand esoterischer Spekulationen. Manche Autoren brachten sie mit spirituellen Realitäten, kosmischem Bewusstsein oder göttlichen Kräften in Verbindung. Mit der wissenschaftlichen Bedeutung des Begriffs hat dies jedoch nichts zu tun. Der Begriff „dunkel“ bedeutet in diesem Zusammenhang lediglich, dass diese Materie kein Licht aussendet, weil sie nicht mit elektromagnetischer Strahlung wechselwirkt. Sie ist nicht geheimnisvoll, übernatürlich oder spirituell. Wenn sie existiert, dann gehört sie vollständig zur physikalischen Welt und unterliegt denselben Naturgesetzen wie Sterne, Planeten und Galaxien. Interessanterweise entstand die Idee der dunklen Materie nicht aus theoretischen Überlegungen, sondern aus Messungen. Astronomen stellten immer wieder fest, dass die Gravita...

Wie speziell ist die Erde?

  Man hört immer wieder, dass unsere Erde ein ganz besonderer Planet sei, dessen Existenz extrem unwahrscheinlich ist. Daraus wird dann gefolgert, dass Gott bei der Entstehung der Erde seine Hand im Spiel hatte, weil er einen lebensfreundlichen Planeten schaffen wollte. Doch wie speziell ist die Erde wirklich? Und was wissen wir über die Prozesse, durch die Planeten gebildet werden? Der US-amerikanische Astrophysiker Sean Raymond, der führend in der Forschung zur Planetenentstehung ist, erklärt auf seiner Webseite in einer auch für Nicht-Experten verständlichen Sprache den Wissensstand. Dieses Wissen beruht erstens auf der Untersuchung unseres Sonnensystems, insbesondere auch der Meteoriten, zum anderen auf der Beobachtung anderer Sternen und der sie umkreisenden Planeten, und drittens auf Computersimulationen von Planetenentstehung. Die Geschichte unseres Sonnensystems begann vor etwa 4,6 Milliarden Jahren in einer riesigen Gas- und Staubwolke, die hauptsächlich aus Wassersto...

Harald Lesch und die Frage nach Gott

Kürzlich strahlte das ZDF eine Terra X-Sendung mit Harald Lesch zur Frage „Gibt es Gott?“ aus. Harald Lesch ist bekannt dafür, dass er an Gott glaubt. Er hat sich zum Beispiel in einem Interview im Jahr 2010 als „Protestant vom Scheitel bis zur Sohle“ bezeichnet. Daher war ich sehr gespannt zu erfahren, was er in der Sendung sagt. Mein Eindruck ist gemischt: Die Sendung ist, wie man es bei Terra X gewohnt ist, gut gemacht, und es werden viele Aspekte der Frage nach Gott angeprochen: Die Feinabstimmung im Universum, die Komplexität biologischer Systeme, Krankenheilungen in Lourdes, das „religiöse Zentrum“ in unserem Gehirn, die Religiosität der Steinzeitmenschen, die Frage nach dem Leid und Gottesbeweise. Lesch stellt bei allen Themen beide Seiten dar: Argumente, die für Gott vorgebracht wurden und Gegenargumente. Einige seiner Aussagen sind dabei richtig gut: Die Beobachtung, dass die Stimulierung gewisser Hirnregionen mit religiösen Erfahrungen einhergeht, kommentiert er so (25:50...

Was der Vater des Urknalls über Glaube und Wissenschaft sagte

Die Idee, dass das Universum einen Anfang hat und zunächst ganz klein und dicht war, wurde zuerst von dem belgischen Priester und Physiker Georges Lema ȋ tre (1894 -1966) vorgeschlagen. Ich habe in meinem Blogbeitrag zum Urknall erzählt, dass diese Idee zunächst vehement von der Mehrheit der Wissenschaftler abgelehnt wurde, weil dies zu sehr nach einem Schöpfungsprozess klingt. Man unterstellte Lema ȋ tre eine religiöse Motivation für seine Theorie. Doch dieser Vorwurf ist unberechtigt, denn Lema ȋ tre wusste zwischen Glauben und Wissenschaft zu unterscheiden, im Gegensatz zu einigen seiner Gegner, die offensichtlich von ihrer atheistischen Überzeugung motiviert waren. Es gibt nicht viele Äußerungen von Lema ȋ tre dazu, wie er das Verhältnis von Glaube und Wissenschaft sah, doch kürzlich stieß ich auf einen interessanten Artikel zu diesem Thema. Lema ȋ tre beschloss schon im Alter von 9 Jahren, ein Wissenschaftler und ein Priester zu werden: „Es gab zwei Wege, die Wahrheit zu erkenne...

Die offenen Fragen der Kosmologie

Es ist beeindruckend, was wir alles über das Universum herausfinden konnten: Das Universum ist riesig und enthält mindestens 200 Milliarden Galaxien, von denen jede ca. 100 Millarden Sterne umfasst. Licht braucht zwischen 3.000 und 300.000 Jahren, um eine Galaxie zu durchqueren; von den am weitesten entfernten Galaxien, die wir mit Weltraumteleskopen noch sehen können, war das Licht bis zu uns sogar 13,5 Milliarden Jahre lang unterwegs. Das Alter des Universums beträgt ungefähr 13,7 Milliarden Jahre. Wenn wir mit den Weltraumteleskopen in die Tiefen des Universums schauen, schauen wir gleichzeitig in seine Vergangenheit. Wie die Kosmologie als Wissenschaft begann und man entdeckte, dass das Universum ganz klein und heiß anfing, habe ich im Blogbeitrag „ Am Anfang war der Urknall “ erzählt. Wenn man die verschiedenen Arten von Beobachtungen mit physikalischen Modellen und Rechnungen verbindet, entsteht ein gut fundiertes Gesamtbild von der Geschichte unseres Universums: Nachdem elektr...

Kann die Wissenschaft nur Gegenwärtiges erforschen?

Neulich las ich auf einer Webseite, dass die Wissenschaft nur Gegenwärtiges erforschen kann. Ich fragte mich, was damit gemeint sei. Zählen Kosmologie, Paläontologie, Geologie, Archäologie, Kriminalistik und die Geschichtswissenschaften nicht zu den Wissenschaften? Sie alle befassen sich mit Dingen, die in der Vergangenheit geschehen sind. Beim Nachdenken und Weiterlesen wurde mir deutlich, dass man mit dieser Aussage auf verschiedene Dinge abzielen kann und dass ich schon verschiedene Versionen dieser Aussage gehört habe. Diese möche ich im Folgenden besprechen. 1. Wissenschaft kann nur mit gegenwärtig verfügbaren Belegen und Daten arbeiten: Dies ist richtig und schränkt unsere Erkenntnismöglichkeiten ein. Wir können nur über diejenigen Ereignisse und Vorgänge etwas erfahren, deren Spuren noch vorhanden und uns zugänglich sind. Wenn ein steinzeitlicher Volksstamm vom Rest der Welt isoliert war und keine mehrere tausend Jahre überdauernden Spuren zurückgelassen hat, werden wir nie e...

Der nicht gegebene Nobelpreis

Im Jahr 2018 erhielt die Astrophysikerin Jocelyn Bell Burnell den mit 3 Millionen Dollar dotierten Special Breakthrough Prize in Fundamental Physics. Mit diesem Preis wurde sie für die Entdeckung der Pulsare gewürdigt, einer besonderen Sorte von Neutronensternen mit einem sehr starken Magnetfeld, und für ihre lebenslange inspirierende wissenschaftliche Führungsrolle. Jocelyn Bell gehört zur Glaubensgemeinschaft der Quäker, die im Allgemeinen bescheiden leben und sich für andere einsetzen. Sie spendete das gesamte Preisgeld für die Förderung von Frauen, Personen aus ethnischen Minderheiten und Flüchtlingen, die gerne Physik studieren möchten. Der Preis ist eine späte Entschädigung dafür, dass sie bei der Verleihung des Physik-Nobelpreises im Jahre 1974 für die Entdeckung der Pulsare übergangen wurde. Ausgezeichnet wurde damals ihr Doktorvater Antony Hewish für die Entdeckungen, die Jocelyn Bell während ihrer Doktorarbeit im Jahr 1967 gemacht hat. Sie hatte gemeinsam mit anderen Doktor...

Der Kosmos im Alten Testament

Manche Christen versuchen, im Schöpfungsbericht der Bibel moderne wissenschaftliche Erkenntnisse wiederzufinden. Im Blogbeitrag vom 10.10. („Die lange Geschichte der Erde“) habe ich zwei solche Theorien, die Tag-Zeitalter-Theorie und die Lückentheorie, vorgestellt. Hier versucht man, die verschiedenen Zeitalter der Erdgeschichte verschiedenen Teilen des Schöpfungsberichts zuzuordnen. Ich habe auch schon Bücher gelesen, in denen die Autoren meinten, die Expansion des Universums, die Kontinentaldrift oder die Abstammung aller Lebewesen von gemeinsamen Vorfahren in Texten des Alten Testaments wiederzufinden. Man nennt diese Art, mit der Bibel umzugehen, Konkordismus: Man sucht eine Übereinstimmung (=Konkordanz) zwischen dem Bibeltext und der modernen Naturwissenschaft. Doch wenn der Bibeltext diese Dinge wirklich lehren würde, hätten Bibelleser schon längst vor den Naturwissenschaftlern diese Dinge in der Bibel finden und verkündigen müssen. Nach Ansicht vieler Ausleger gehen solche Vers...