Am dritten Tage auferstanden von den Toten

Immer wieder erlebe ich überraschte Reaktionen, wenn ich sage, dass die Auferstehung Jesu von den Toten die Grundlage meines Glaubens ist. Der Glaube ist für viele etwas Subjektives, das niemand überprüfen oder widerlegen kann. Die Auferstehung Jesu dagegen ist ein behauptetes historisches Ereignis, für das man die Belege überprüfen kann und im ungünstigsten Fall feststellen muss, dass die These nicht haltbar ist. Noch schlimmer, die Auferstehung Jesu ist ein Wunder, das den naturgesetzmäßigen Abläufen widerspricht. Tote werden nun mal nicht wieder lebendig, und schon gar nicht so, dass sie danach verschlossene Räume betreten und plötzlich wieder verschwinden können. Wie kann ich als Physikerin so verrückt sein, die biblischen Berichte, die dies erzählen, für glaubwürdig zu halten?

Es gibt nicht wenige Theologen, die sich dieser doppelten Gefahr, durch historische Forschung widerlegt und durch Naturwissenschaftler belächelt zu werden, dadurch entziehen, dass sie die Auferstehung Jesu rein geistig oder als mit unserer Sprache nicht beschreibbar interpretieren. Man sagt zum Beispiel, Jesus sei in den Herzen der Jünger auferstanden. Oder man argumentiert, die Auferstehung Jesu sei ein Ereignis, das den Rahmen dieser Welt sprengt und daher auch nicht mit unseren Worten und Vorstellungen beschreibbar ist. Es sei nicht wichtig und auch nicht beweisbar, ob das Grab Jesu tatsächlich leer war. Das historisch Bezeugte seien die Erscheinungen des Auferstandenen, die die Jünger erlebt haben. Bei der Auferstehung selbst sei kein Augenzeuge dabei gewesen. Und es ginge um die theologische Bedeutung der Auferstehung, nicht um die historische Faktizität. All diese Aussagen habe ich oft gehört – auch wenn ich es jetzt bestimmt nicht so elegant formuliert habe, wie es mir gesagt wurde.

Doch so gut manches davon klingt, hinterlässt es bei mir den Eindruck, dass mit solchen Aussagen das zentrale Stück des überlieferten Glaubens abgewandelt wird. Damals hat man es ganz einfach und verständlich formuliert. Im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: „…., gekreuzigt, gestorben und begraben. Am dritten Tage auferstanden von den Toten.“ Ähnliche Formulierungen findet man in den Briefen des Apostels Paulus (1. Kor. 15, 3-6), geschrieben zu einer Zeit, als noch Augenzeugen lebten. Wenn „auferstanden“ direkt nach „begraben“ steht, ist natürlich die leibliche Auferstehung gemeint. Wie hätten Juden der damaligen Zeit das Wort „Auferstehung“ anders verstehen können als eine leibliche Auferstehung? Wie hätte die Nachricht von der Auferstehung Jesu in Jerusalem Anhänger gefunden, wenn man den verwesenden Leichnam im Grab hätte zeigen können? Alle vier Evangelien berichten vom leeren Grab – samt der damit verbundenen Botschaft „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden“. Und in allen vier Evangelien sind es Frauen, die dieses Erlebnis berichten. Das Johannesevangelium berichtet zusätzlich, dass Maria Magdalena die erste Person ist, der der Auferstandene begegnet. Wenn diese Geschichten erfunden wären, wären bestimmt nicht Frauen als die ersten Augenzeugen erwähnt. Theologen, die das leere Grab verteidigen, führen natürlich auch derartige Argumente an, z.B. Wolfhardt Pannenberg, Paul Althaus, Hans-Joachim Eckstein, John Polkinghorne, David Wilkinson.

Diese Argumente lassen sich weiter ergänzen: Der fehlende Grabkult; die plötzliche Verwandlung der durch die Kreuzigung Jesu niedergeschmetterten Jünger; ihre Bereitschaft, für diese Botschaft als Märtyrer zu sterben; das Feiern der Auferstehung Jesu am ersten Tag der Woche (Sonntag) schon im ersten Jahrhundert. Es gibt sogar Personen, die zum Glauben kamen, als sie kritisch nachforschten, was an dieser Geschichte dran ist. Zu ihnen gehört der Historiker Jürgen Spieß, siehe https://facingcorona.de/auferstehung-fuer-skeptiker/. Viel Aufmerksamkeit fand das Buch „Who Moved the Stone“ von Frank Morrison, der ursprünglich plante, die Auferstehung zu widerlegen, aber durch seine Recherchen von der Historizität der Auferstehung überzeugt wurde.

Doch der Philosoph der Aufklärung David Hume meint, dass solche Argumente nicht überzeugend sind. Wunder seien nämlich so unwahrscheinlich, dass man extrem gute Belege benötigt, um sie glaubwürdig zu machen. Augenzeugenberichte seien als Belege nicht gut genug. Er hält es für viel wahrscheinlicher, dass die Augenzeugenberichte unzuverlässig sind, als dass ein Wunder tatsächlich passiert ist. Für dieses Argument habe ich viel Sympathie, und wenn ich von einem Wunder höre, bin auch ich zunächst sehr skeptisch. Augenzeugen können betrügen, übertreiben, sich etwas einbilden, getäuscht werden, halluzinieren oder etwas falsch interpretieren. Augenzeugenberichte aus der Vergangenheit können im Laufe der Zeit verändert oder gar zur Legende weiterentwickelt worden sein. Als gläubige Physikerin bezweifle ich viele Wundergeschichten insbesondere deshalb, weil es nicht zur Vorstellung von Gott als dem Schöpfer der Naturgesetze passt, dass er diese Gesetze nach Lust und Laune übertritt.

Doch umgekehrt gibt es kein logisch zwingendes Argument, warum Gott nicht etwas tun könnte, das den Rahmen der üblichen Naturabläufe sprengt. Ich liebe in diesem Zusammenhang die Ausführungen von C.S. Lewis in seinem Buch „Wunder“. In diesem Buch vergleicht er Gott mit einem Dichter, der sich für sein Werk ebenfalls Gesetze vorgibt, nämlich das Versmaß und das Reimschema. Wenn der Dichter an einer Stelle von diesen sich selbst auferlegten Gesetzen abweicht, kann dies zwei Gründe haben: Entweder ist er ein schlechter Dichter, der es nicht schafft, das, was er ausdrücken möchte, in dem vorgegebenen Versmaß oder Reimschema zu sagen. Oder er ist ein genialer Dichter, der genau mit dieser Abweichung einen bestimmten Effekt erzielen will. In diesem Fall folgt er sozusagen tieferen Gesetzen als dem oberflächlichen Schema.

Dass hinter den oberflächlich wahrgenommenen Gesetzen viel mehr verborgen sein kann, als wir ahnen, illustriert auch eine Geschichte, die der Philosoph Bertrand Russell (übrigens ein Atheist!) einmal erzählte: Ein Hahn wächst auf einem Bauernhof auf. Dabei beobachtet er das folgende Gesetz: Jeden Morgen und jeden Abend kommt der Bauer und bringt ihm Futter. Der Hahn erwartet, dass das immer so weitergehen wird. Doch eines Tages kommt der Bauer – nicht um ihm Futter zu bringen, sondern um ihn zu schlachten. Von diesem größeren Kontext, in den sein „Gesetz“ eingebettet ist, hatte er keine Ahnung…

Die Schriften des Neuen Testaments weisen genau auf solch einen größeren Kontext hin, in dem die Auferstehung Jesu eine tiefe Bedeutung bekommt: Es geht um den großen Plan, den Gott mit uns Menschen und seiner ganzen Schöpfung hat. In Jesus wurde Gott Mensch, um uns seine Liebe zu zeigen und uns durch seinen Tod am Kreuz mit sich zu versöhnen. Durch die Auferstehung Jesu wurde der Tod besiegt, und es begann eine neue Schöpfung, an der die, die an ihn glauben, jetzt schon teilhaben dürfen.

Der bekannte Theologe Dietrich Bonhoeffer formuliert Gottes Plan hinter der Auferstehung Jesu so (siehe https://www.dietrich-bonhoeffer.net/zitat/479-die-auferstehung-jesu-chris/):

Die Auferstehung Jesu Christi ist Gottes Ja zur Kreatur. Nicht Zerstörung, sondern Neuschöpfung der Leiblichkeit geschieht hier. Der Leib Jesu geht aus dem Grabe hervor, und das Grab ist leer (Markus 16, 15 f). [] Nicht eine Christusidee lebt fort, sondern der leibliche Christus. In der Auferstehung erkennen wir, daß Gott die Erde nicht preisgegeben, sondern sich zurückerobert hat. Er hat ihr eine neue Zukunft, eine neue Verheißung gegeben. Dieselbe Erde, die Gott schuf, trug den Sohn Gottes und sein Kreuz, und auf dieser Erde erschien der Auferstandene den Seinen, und zu dieser Erde wird Christus am letzten Tage wieder kommen. Wer die Auferstehung Christi gläubig bejaht, der kann nicht mehr weltflüchtig werden, er kann aber auch nicht mehr der Welt verfallen, denn er hat mitten in der alten Schöpfung die neue Schöpfung Gottes erkannt.“

Auch Josef Ratzinger, der als Papst Benedikt XVI das dreibändige Werk „Jesus von Nazareth“ veröffentlicht hat, schreibt in Band 3 von diesem größeren Kontext:

„Natürlich darf man Gott nichts Unsinniges oder Unvernünftiges oder zu seiner Schöpfung Widersprüchliches zuschreiben. Aber hier geht es nicht um Unvernünftiges und Widersprüchliches, sondern gerade um das Positive – um Gottes schöpferische Macht, die das ganze Sein umfängt. Insofern sind diese beiden Punkte – Jungfrauengeburt und wirkliche Auferstehung aus dem Grab – Prüfsteine des Glaubens. Wenn Gott nicht auch Macht über die Materie hat, dann ist er eben nicht Gott. Aber er hat diese Macht, und er hat mit Empfängnis und Auferstehung Jesu Christi eine neue Schöpfung eröffnet. So ist er als Schöpfer auch unser Erlöser.“

Ob wir die leibliche Auferstehung Jesu für möglich oder plausibel halten, hängt also sehr davon ab, was für uns der größere Kontext ist, der hinter und über den Abläufen der Natur steht. Wenn wir die Naturgesetze, das Universum und die Materie für die letzte Realität halten, hinter der es nichts weiter gibt, dann ist die Auferstehung Jesu absurd. Dann wird kein Toter jemals wieder lebendig werden, und alles Leben auf der Erde wird irgendwann vollständig vergehen – spätestens wenn die Sonne sich in ein paar Milliarden Jahren zum roten Riesen aufbläht und die Erde verglüht. Wenn aber Gott die letzte Realität ist, wenn er diese Welt und uns Menschen geschaffen hat und wenn er unser Heil will, dann ordnen wir die Naturgesetze ganz anders ein. Dann liefern sie eine vorläufige und unvollständige Beschreibung dessen, was in der Welt möglich ist und in Zukunft passieren wird. Dann weist die Auferstehung Jesu darauf hin, dass Gott seine gesamte Schöpfung in eine neue, unvergängliche Schöpfung verwandeln will. Der Apostel Paulus verwendet die schöne Formulierung, dass die gesamte Schöpfung in Geburtswehen liegt (Römer 8, 22).

Hier liegt der Grund, warum die Auferstehung Jesu auch für mich so wichtig ist: Mein Leben und die gesamte Welt erhält dadurch Sinn und Hoffnung. Der Physiker und Theologe John Polkinghorne sagt es in seinem Buch „The God of Hope and the End of the World“ sehr treffend: „Ultimately the issue is whether this world makes sense not just now but totally and forever“.

Literaturhinweise: Im obigen Text wurden schon einige Bücher erwähnt, deren Lektüre sich lohnt. Wer gerne einen Überblick über den aktuellen Diskussionsstand zur Auferstehung Jesu in der Hochschultheologie bekommen möchte und sich nicht von theologischer Fachsprache abschrecken lässt, wird in dem Buch „Die Wirklichkeit der Auferstehung“, herausgegeben von Hans-Joachim Eckstein und Michael Welker, fündig (Vandenhoeck & Ruprecht 2019). Die Bedeutung der Auferstehung Jesu für die Zukunft des Universums wird besonders ausführlich von dem Physiker und Theologen David Wilkinson in dem Buch „Christian Eschatology and the Future of the Universe“ (T & T Clark International 2010) behandelt.

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