Wie die Körperhaltung das Beten beeinflusst
Wenn Menschen beten, tun sie das nicht nur mit Worten oder Gedanken. Sie tun es auch mit ihrem Körper: Sie knien, werfen sich nieder oder stehen mit erhobenen Händen. Oder sie sitzen, beugen den Kopf und falten die Hände. Die Psychologie stellt hier eine interessante Frage: Welche Verbindung besteht zwischen diesen Körperhaltungen und dem inneren Erleben des Gebets?
Dieser Frage geht eine aktuelle Studie nach, die 2024 unter dem Titel „Kneel, stand, prostrate: The psychology of prayer postures in three world religions“ in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht wurde. Die Autoren gehen davon aus, dass religiöse Erfahrungen nicht nur im Denken oder Fühlen stattfinden, sondern auch eng mit dem Körper verbunden sind. Sie knüpfen hierbei an Forschung aus der Embodiment-Psychologie an, nach der körperliche Haltungen („postures“) mit bestimmten emotionalen und kognitiven Zuständen verbunden sind. Frühere Studien haben gezeigt, dass expansive Körperhaltungen, also offene, aufrechte und raumeinnehmende Positionen, häufig mit Dominanz, Macht, Selbstvertrauen und einer positiven emotionalen Stimmung assoziiert sind. Kontraktive oder zusammengesunkene Haltungen dagegen werden eher mit Unterordnung, sozialer Niedrigstellung, negativer emotionaler Stimmung und Rückzug in Verbindung gebracht. Auf dieser Grundlage untersuchen die Autoren, ob ähnliche Zusammenhänge auch im religiösen Kontext auftreten und wie unterschiedliche Gebetshaltungen das emotionale Erleben und die Art des Gebets beeinflussen.
Für die Untersuchung wurden mehrere Teilstudien mit insgesamt rund 2500 Teilnehmern durchgeführt. Die Gruppen bestanden aus Christen, Muslimen und Hindus aus den USA, Muslimen aus der Türkei sowie Hindus aus Indien. Die Forscher wollten damit nicht nur allgemein die Wirkung von Gebetshaltungen untersuchen, sondern ausdrücklich auch kulturelle und religiöse Unterschiede vergleichen. Die Teilnehmer sollten sich bestimmte Gebetshaltungen vorstellen. Zu jeder Gebetshaltung beantworteten die Teilnehmer eine Reihe standardisierter Fragen darüber, wie sie das Gebet in dieser Haltung erlebten.
Die Teilnehmer sollten zunächst angeben, wie stark sie mit der jeweiligen Haltung Gefühle wie Freude, Frieden, Dankbarkeit, Schuld, Traurigkeit oder Demut verbinden. Außerdem wurde gefragt, ob sich die Haltung eher positiv oder negativ anfühlte und ob sie Gefühle von Stärke beziehungsweise Unterordnung hervorrief.
Ein weiterer Fragenbereich betraf die Beziehung zu Gott oder zum Göttlichen. Die Teilnehmer sollten einschätzen, ob sie sich in dieser Haltung Gott näher fühlen würden, ob die Haltung eher Ehrfurcht, Intimität oder Distanz ausdrücke und wie angemessen die Haltung für das Gebet erscheine.
Darüber hinaus untersuchten die Autoren, welche Art von Gebet mit der jeweiligen Haltung verbunden wurde. Die Teilnehmer gaben beispielsweise an, ob sie in dieser Haltung eher zu Lobpreis und Anbetung neigen würden oder eher zu Bitte, Reue, Selbstprüfung oder Fürbitte für andere Menschen. Schließlich fragten die Forscher auch danach, wie vertraut die jeweilige Gebetshaltung den Teilnehmern aus ihrer eigenen religiösen Praxis war.
Die Forscher teilten die Gebetshaltungen in zwei Gruppen ein: Zu den expansiven Haltungen zählten sie aufrechtes Stehen, geöffnete Arme oder einen nach oben gerichteter Blick. Die kontrativen Gebetshaltungen dagegen sind Knien, Verbeugen und Niederwerfen.
Die Auswertung der Fragebögen zeigte, dass die Teilnehmer unterschiedliche Gebetshaltungen tatsächlich mit unterschiedlichen emotionalen Zuständen und Formen des Gebets verbanden. Offene und expansive Gebetshaltungen wurden häufig mit positiven Gefühlen verbunden. Viele Teilnehmer berichteten dabei von Freude, innerer Stärke oder einem Gefühl der Erhabenheit. Sie verbanden solche Haltungen mit Gebeten des Lobes und der Bewunderung Gottes. Dagegen verbanden sie kniende oder niederwerfende Haltungen häufiger mit Selbstreflexion, Reue, Bitte um Hilfe oder Fürbitte für andere Menschen. Muslime und Hindus fühlten hauptsächlich bei diesen „demütigen“ Körperhaltungen Nähe zu Gott oder zum Göttlichen, während Christen sich bei beiden Arten von Gebetshaltung Gott gleich nah fühlten. Bei ihnen waren die Unterschiede in den emotionalen Zuständen zwischen beiden Gebetshaltungen besonders deutlich ausgeprägt. Die Autoren sehen darin einen Zusammenhang mit christlichen Gebetstraditionen.
Bei den muslimischen Teilnehmern waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Haltungen zwar ebenfalls vorhanden, aber insgesamt schwächer ausgeprägt. Die Autoren erklären dies mit der Struktur des islamischen Ritualgebets. Im Salāt wechseln die Betenden regelmäßig zwischen verschiedenen Körperhaltungen: Stehen, Verbeugen, Niederwerfen und Sitzen gehören alle zu einer festen liturgischen Abfolge. Dadurch wird keine einzelne Haltung isoliert erlebt oder mit nur einer bestimmten Emotion verbunden. Die Haltungen bilden vielmehr gemeinsam ein zusammenhängendes Ritual.
Am interessantesten fanden die Autoren jedoch die Ergebnisse bei den hinduistischen Teilnehmern. Viele von ihnen, insbesondere diejenigen aus Indien, empfanden expansive Gebetshaltungen als unangemessen. Einige weigerten sich sogar ausdrücklich, sich vorzustellen, das Göttliche in solchen Haltungen anzubeten, denn diese wurden als respektlos gegenüber dem Göttlichen wahrgenommen. Demut und körperliche Unterordnung vor dem Göttlichen besitzen in ihrer religiösen Tradition einen deutlich höheren Stellenwert.
Die Forscher interpretieren dies als wichtigen Hinweis darauf, dass die Bedeutung einer Körperhaltung kulturell und religiös geprägt ist. Dies spricht gegen eine einfache universelle Embodiment-Theorie. Die Wirkung einer Körperhaltung ist nicht völlig festgelegt. Vielmehr wird sie deutlich davon beeinflusst, welche religiösen Bedeutungen Menschen im Laufe ihres Lebens mit bestimmten Gesten und Haltungen verbinden.
Einheitlich für alle Religionen zeigt diese Studie, dass Beten nicht nur im Kopf geschieht, sondern immer auch den Körper mit einschließt. Ob Menschen knien, sich verbeugen, still sitzen oder die Hände erheben, kann mitprägen, wie Menschen sich selbst, ihre Gefühle und ihre Beziehung zu Gott oder zum Göttlichen erleben.
Mich als westlich geprägte Christin fordert diese Studie heraus: In vielen unserer Gemeinden wird Glaube vor allem als etwas verstanden, das im Denken stattfindet: als Überzeugung, Bibelverständnis oder innere Entscheidung. Der Körper spielt dagegen oft nur eine untergeordnete Rolle. Die Ergebnisse dieser Studie legen jedoch nahe, dass Glaubenserfahrungen tiefer und intensiver erlebt werden, wenn auch der Körper bewusst einbezogen wird. Die verschiedenen Körperhaltungen können helfen, bestimmte Haltungen des Herzens einzuüben und das Gebet mit der ganzen Person zu erleben.
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