Die Macht unserer Erwartungen

Sie haben bestimmt schon vom Placebo-Effekt gehört: Wenn wir erwarten, dass ein Medikament wirkt, kann das allein schon in unserem Körper Prozesse auslösen, die die Heilung fördern. In seinem Buch „The Expectation Effect“ berichtet der Wissenschaftsjournalist David Robson, dass Placebos dieselben biologischen Mechanismen aktivieren können wie echte Medikamente. Bei Schmerzen etwa setzt der Körper unter dem Einfluss positiver Erwartungen körpereigene Opioide, insbesondere Endorphine, frei. Dass dies keine bloße Einbildung ist, zeigte sich in Experimenten bei denen ein Wirkstoff gegeben wurde, der Opioidrezeptoren im Gehirn blockiert. Der Placebo-Effekt verschwand daraufhin. Bei Parkinson-Patienten wurde folgendes beobachtet: Wenn die Patienten glaubten, ein wirksames Medikament erhalten zu haben, stieg die Dopamin-Ausschüttung im Gehirn messbar an, also genau jener Botenstoff, dessen Mangel die Krankheit kennzeichnet. Placebo-Effekte wurden außerdem bei Depressionen, Reizdarmsyndrom, Angststörungen, Müdigkeit und anderen Beschwerden nachgewiesen. Viele von uns haben schon erlebt, dass allein der Geruch von Kaffee uns einen Energieschub gibt, oder dass der beruhigende und zuversichtliche Zuspruch eines Arztes die Genesung fördert. Beim Placebo-Effekt spielen auch scheinbare Nebensächlichkeiten eine Rolle. Große Tabletten wirken besser als kleine, Injektionen besser als Tabletten, und teure oder aufwendig präsentierte Medikamente entfalten häufig stärkere Wirkungen als vermeintlich billige Präparate. Noch erstaunlicher sind Studien zu Scheinoperationen. In einigen Untersuchungen erhielten Patienten mit Knieproblemen oder Herzbeschwerden operative Eingriffe, bei denen der entscheidende medizinische Schritt gar nicht durchgeführt wurde. Dennoch berichteten viele anschließend von weniger Schmerzen und besserer Beweglichkeit. Die Erwartung der Heilung hatte einen Teil der Wirkung selbst erzeugt.

Eine meiner Lieblingsgeschichten aus dem Buch über den „Expectation Effect“ ist die des Radprofis Richard Virenque, der während der Tour de France 1997 vor dem Einzelzeitfahren seinen Physiotherapeuten bat, ihm ein neuartiges leistungssteigerndes Mittel zu spritzen. Dieser verabreichte ihm jedoch lediglich eine Glukoselösung. In der Überzeugung, einen besonderen Leistungsschub erhalten zu haben, fuhr Virenque anschließend eines der besten Rennen seiner Karriere und äußerte sich begeistert über die Wirkung des Mittels.

Die negative Seite des Placebo-Effekts ist der sogenannte Nocebo-Effekt: Negative Erwartungen können Beschwerden verstärken oder sogar hervorbringen. Bekannt ist das Phänomen, dass Patienten, die die Packungsbeilage gelesen haben, mit höherer Wahrscheinlichkeit die genannten Nebenwirkungen entwickeln. Robson berichtet von einem Patienten, der an einer klinischen Studie zur Wirkung eines Antidepressivums teilnahm und zunächst eine Besserung seines Zustand erlebte. Doch in einem Anfall von Verzweiflung wollte er seinem Leben ein Ende setzen und schluckte alle verbliebenen 29 Tabletten auf einmal. Direkt danach bereute er die Tat und eilte in die Notaufnahme, wo er kollabierte. Er wurde sofort an den Tropf gehängt, doch sein Zustand besserte sich auch nach mehreren Stunden nicht. Nachdem die behandelten Ärzte in seinem Blut den überdosierten Wirkstoff nicht nachweisen konnten, nahmen sie mit den Kollegen Kontakt auf, die die klinische Studie betreuten. Es stellte sich heraus, dass der Patient gar nicht den tatsächlichen Wirkstoff erhalten hatte, sondern in der Placebo-Gruppe der Studie war. Als der Patient erfuhr, dass er nur Zuckerpillen geschluckt hatte, erholte er sich sofort.

Auch psychogene „Epidemien“, bei denen sich Symptome sozial ausbreiten, gehören zum Nocebo-Effekt. Robson erwähnt Menschen, die plötzlich Schwindel, Übelkeit oder Atemprobleme entwickelten, nachdem sie Gerüchte über giftige Stoffe hörten, obwohl nie ein Gift nachgewiesen wurde.

Leider kann der Nocebo-Effekt auch den Tod beschleunigen: Beispielhaft ist ein Krebspatient, dem gesagt wurde, dass er möglicherweise Weihnachten nicht mehr erleben wird. Prompt starb er kurz nach Weihnachten. Nach seinem Tod stellte sich heraus, dass seine Metastasen gar nicht so gefährlich waren, wie man angenommen hatte. Bei einigen Aborigines in Australien gibt es das sogenannte „Bone Pointing“, bei dem ein Schamane oder Ältester einen Menschen symbolisch zum Tode verurteilt, indem er mit einem präparierten Knochen auf ihn zeigt. Ethnologen und Ärzte berichteten wiederholt von Fällen, in denen Menschen nach einem solchen Fluch schwer erkrankten oder sogar starben.

Ein zentrales Thema des Buches ist Stress. Normalerweise gilt Stress als etwas Schädliches. Robson verweist jedoch auf Forschungen der Psychologin Alia Crum, die zeigen, dass die Einstellung zum Stress entscheidend ist. Menschen, die körperliche Stresssymptome als leistungssteigernde Energie interpretieren, reagieren oft widerstandsfähiger und produktiver. In Experimenten schnitten Versuchspersonen besser ab, wenn man ihnen erklärte, dass Stress Konzentration und Kreativität fördern könne. Ihre Körper reagierten messbar anders: Blutgefäße blieben elastischer, und die physiologische Reaktion ähnelte eher einer Herausforderung als einer Bedrohung.

An anderer Stelle beschreibt Robson Experimente, in denen Hotelangestellten erklärt wurde, ihre tägliche Arbeit erfülle bereits die Kriterien gesunder Bewegung. Danach verbesserten sich Gewicht, Blutdruck und Fitnesswerte, obwohl die körperliche Aktivität objektiv gleich geblieben war. Allein die neue Interpretation ihrer Tätigkeit veränderte offenbar die körperliche Reaktion darauf.

Besonders nachdenklich gemacht haben mich die Ausführungen zur Wirkung der Erwartungen von Lehrern auf die Leistungen ihrer Schüler, denn als Hochschullehrerin habe ich in meinen Vorlesungen, Seminaren und bei der Betreuung von Abschlussarbeiten und Doktorarbeiten beständig mit jungen Leuten zu tun. Selbst unausgesprochene oder unbewusste Erwartungen werden von ihnen wahrgenommen und hemmen oder ermutigen sie entsprechend.

Interessant ist auch das Kapitel über das Altern. Viele Kulturen verbinden Alter vor allem mit Verfall, Schwäche und geistigem Abbau. Diese negativen Erwartungen können den Alterungsprozess beschleunigen. Langzeitstudien der Psychologin Becca Levy von der Yale University zeigen, dass Menschen mit positiven Vorstellungen vom Altern im Durchschnitt mehrere Jahre länger leben als Menschen mit negativen Altersbildern. Wer Alter mit Erfahrung, Weisheit und Reife verband, zeigte oft bessere Gedächtnisleistungen, war körperlich aktiver und litt weniger unter Stress.

Sogar im Bereich Ernährung spielen unsere Erwartungen eine Rolle. Robson beschreibt eine Studie, bei der alle Teilnehmer denselben Milchshake tranken. Einmal wurde er als kalorienreiche „Genussbombe“ beschrieben, einmal als kalorienarmer Fitness-Drink. Obwohl beide Shakes identisch waren, reagierte der Körper unterschiedlich. Das Hungerhormon Ghrelin sank stärker, wenn die Teilnehmer glaubten, etwas besonders Sättigendes konsumiert zu haben. Auch andere Studien bestätigen, dass wer glaubt, etwas besonders Nahrhaftes und Sättigendes gegessen zu haben, die Nahrung länger im Verdauungstrakt behält, ihr mehr Nährstoffe entnimmt und sich länger satt fühlt. Folglich wird man nicht so früh wieder hungrig und nascht weniger zwischendurch, was sich günstig auf das Körpergewicht auswirkt.

An mehreren Stellen des Buches fragte ich mich, ob dadurch Teile meines christlichen Glaubens wegerklärt werden. Wenn ich nach Gebet ruhiger in eine herausfordernde Situation hineingehe oder eine schnelle Genesung erlebe, kann dies im Prinzip durch meine positive Erwartung erklärt werden. Ähnliches gilt, wenn ich durch den Zuspruch eines Mitchristen und den Verweis auf eine biblische Verheißung ermutigt werde und erfolgreich eine Herausforderung meistere. Menschen, die einer anderen Religion angehören oder an gute Geister oder an die Präsenz ihrer verstorbenen Vorfahren glauben, können demnach ähnliche Gebetserhörungen und ähnlichen Trost durch ihre Gemeinschaft erleben.

Oder zeigt uns die von Robson beschriebene Forschung vielmehr, dass wir Menschen auf Vertrauen und Hoffnung hin angelegt sind? Wenn unsere Überzeugungen unser Wohlergehen beeinflussen, wird die Frage umso wichtiger, worauf wir unser Vertrauen setzen. Entscheidend ist dann nicht nur die Stärke unseres Glaubens, sondern auch sein Fundament. Und das Fundament des christlichen Glaubens sind nicht die erwähnten psychologischen Wirkungen, sondern das historische Ereignis der Auferstehung Jesu.

Eigentlich gehen meine Fragen in die falsche Richtung, wenn ich Gottes Wirken und natürliche Prozesse gegeneinander ausspielen möchte. Auf diesem Blog habe ich schon oft darüber geschrieben, dass Gott häufig durch die gewöhnlichen Abläufe der Welt wirkt. Warum sollte das nicht auch für die erstaunliche Macht unserer Erwartungen gelten? Das Verständnis solcher Zusammenhänge kann ich zu meinem eigenen Wohl und zum Wohl anderer Menschen nutzen. Nach der Lektüre des Buches habe ich mir jedenfalls vorgenommen, andere Menschen häufiger durch Zuspruch und Ermutigung zu stärken.

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