Wie zuverlässig sind unsere Erinnerungen?
Was ist Ihre früheste Kindheitserinnerung? Vielleicht sehen Sie die Szene noch klar vor sich: ein Zimmer, ein Gesicht, Ihr Gefühl der Freude oder Angst. Aber woher wissen Sie eigentlich, dass diese Erinnerung wirklich so geschehen ist? Könnte es sein, dass einzelne Details später ergänzt, verschoben oder unbewusst aus Erzählungen anderer übernommen wurden?
Dass das Gedächtnis unzuverlässig ist, wird besonders denjenigen bewusst, die versuchen, ihre Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Angela Merkel hat mehrfach darauf hingewiesen, dass sie sich beim Schreiben ihrer Autobiographie „Freiheit“ nicht allein auf ihr Gedächtnis verlassen wollte. Kalender, Akten und Notizen halfen ihr dabei, Abläufe zu rekonstruieren und Erinnerungen zu überprüfen. Im Epilog ihres Buchs schreibt sie: „Wer einmal versucht hat, sich an Ereignisse zu erinnern, die nur fünf oder zehn Jahre zurückliegen, nicht oberflächlich, sondern ernsthaft, tatsächliche oder vermeintliche Erinnerungen mit Fakten abzugleichen und zu prüfen, der weiß, wie unzuverlässig das menschliche Gedächtnis sein kann und wie sehr es dazu neigt, sich eher den eigenen Erwartungen, Hoffnungen und Wünschen anzupassen als der Realität.“
Die Psychologie untersucht solche Phänomene schon seit Jahrzehnten. Bereits in den 1930er Jahren führte der britische Psychologe Frederic Bartlett eine Reihe von Experimenten durch, die heute als Meilensteine der Gedächtnisforschung gelten und in seinem Buch „Remembering“ veröffentlicht wurden. Er ließ z.B. Versuchspersonen eine Geschichte lesen und später weitererzählen. Dabei stellte er fest, dass die Erzählungen mit der Zeit verändert wurden. Ungewöhnliche oder schwer verständliche Elemente verschwanden, andere wurden ergänzt oder umformuliert. Die Teilnehmer rekonstruierten sie auf der Grundlage dessen, was ihnen plausibel erschien. Bartlett zog aus seinen Untersuchungen den Schluss, dass Erinnern kein passives Abrufen gespeicherter Informationen ist, sondern ein aktiver Prozess, bei dem die Erinnerung strukturiert, ergänzt und an Vertrautes angepasst wird.
Besonders bekannt wurde ab den 1970er Jahren die Forschung der Gedächtnispsychologin Elizabeth Loftus. In einem Experiment sahen Versuchspersonen einen Film über einen Autounfall. Anschließend wurden ihnen Fragen gestellt. Allein die Wortwahl beeinflusste ihre spätere Erinnerung. Wer gefragt wurde, wie schnell die Autos waren, als sie „ineinander krachten“, schätzte höhere Geschwindigkeiten als Personen, denen neutralere Formulierungen vorgelegt wurden. Einige erinnerten sich später sogar an Glassplitter, die im Film gar nicht vorkamen.
Für Strafprozesse ist das Thema enorm wichtig. Viele Fehlurteile in den USA wurden durch DNA-Tests später aufgehoben – obwohl Augenzeugen die Täter „eindeutig“ identifiziert hatten. Die Organisation Innocence Project dokumentiert zahlreiche Fälle, in denen falsche Augenzeugenidentifikation eine zentrale Rolle spielte. Dass Opfer einer Stresssituation den Täter hinterher oft nicht richtig identifizeren können, zeigt ein Experiment von Charles Morgan und Kollegen. Soldaten wurden im Rahmen eines militärischen Überlebenstrainings einer simulierten Gefangennahme mit aggressivem Verhör ausgesetzt. Anschließend sollten sie den Vernehmer aus mehreren Fotos identifizieren. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur 16 Prozent der Teilnehmer konnten den Vernehmer korrekt identifizieren.
In den 1980er- und frühen 1990er-Jahren gewann in Teilen der Psychotherapie die Vorstellung an Einfluss, viele psychische Probleme Erwachsener könnten auf verdrängte Kindheitstraumata zurückgehen, wie z.B. sexuellen Missbrauch. Durch therapeutische Methoden wurden solche Erinnerungen angeblich aus der Vergessenheit zurückgeholt. Elisabeth Loftus war skeptisch und untersuchte, ob Menschen falsche Kindheitserinnerungen eingepflanzt werden können. In einem Experiment zusammen mit ihrer Kollegin Jacqueline Pickrell zeigte sie, wie leicht sich falsche Erinnerungen erzeugen lassen. Versuchspersonen erhielten von nahen Angehörigen vier kurze Berichte über angebliche Kindheitserlebnisse. Drei dieser Episoden hatten tatsächlich stattgefunden; die vierte war frei erfunden: Als Kind habe sich die Person in einem Einkaufszentrum verirrt, sei verzweifelt gewesen und schließlich von einer älteren Person zu den Eltern zurückgebracht worden. Etwa ein Viertel der Versuchspersonen meinte, sich daran erinnern zu können, und ergänzte sogar weitere Details.
Auch unsere Wahrnehmung selbst ist weniger zuverlässig, als wir glauben. In einem inzwischen klassischen Experiment sollten Versuchspersonen zählen, wie oft sich Spieler in weißen T-Shirts in einem Video den Ball zuwerfen. Während sie auf diese Aufgabe konzentriert waren, lief eine Person im Gorillakostüm mitten durchs Bild, blieb kurz stehen, schlug sich auf die Brust und ging wieder hinaus. Erstaunlicherweise bemerkte etwa die Hälfte der Teilnehmer den Gorilla nicht. Das Experiment zeigt, wie stark Aufmerksamkeit unsere Wahrnehmung steuert. Was wir nicht beachten, können wir später auch nicht abrufen.
Ein weiterer wichtiger Forschungszweig beschäftigt sich mit sogenannten „Blitzlichterinnerungen“. Das sind besonders lebendige Erinnerungen an den Moment, in dem wir von einem schockierenden Ereignis erfahren. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 befragten Psychologen Versuchspersonen bereits am Tag nach den Anschlägen dazu, unter welchen Umständen sie von den Ereignissen erfahren hatten: Wo waren sie? Mit wem sprachen sie? Was taten sie gerade? Ein, sechs und schließlich 32 Wochen später stellten sie dieselben Fragen erneut. Dabei zeigte sich: Die Erinnerungen wichen im Laufe der Zeit zunehmend von den ursprünglichen Angaben ab. Nach 32 Wochen stimmten die Berichte im Durchschnitt nur noch zu etwa 63 Prozent mit den ersten Aussagen überein. Bemerkenswert war jedoch, dass das Vertrauen der Teilnehmer in ihre Erinnerungen nahezu unverändert hoch blieb.
Anders war es bei Menschen, die sich unmittelbar in der Nähe des World Trade Centers befanden. Ihre Erinnerungen erwiesen sich über die Zeit als deutlich stabiler und detailreicher als die Erinnerungen derjenigen, die die Ereignisse nur aus der Distanz über Medien verfolgten. Sie erlebten die Anschläge nicht als Nachricht, sondern mit allen Sinnen: als dichte Folge von Bildern, Geräuschen, Gerüchen, körperlichen Reaktionen und unmittelbarem Handlungsdruck. Hirnscans zeigten, dass bei diesen Augenzeugen beim Erinnern nicht nur der Hippocampus aktiv war, der für Alltagsgedächtnis eine zentrale Rolle spielt, sondern auch die Amygdala, die an der Verarbeitung emotional bedeutsamer Erfahrungen beteiligt ist. Offenbar sorgt starke emotionale Erregung dafür, dass Erinnerungen tiefer und dauerhafter im Gedächtnis verankert werden. Je unmittelbarer ein Ereignis uns körperlich und emotional betrifft, desto eher brennt es sich ins Gedächtnis ein.
Was folgt daraus für unseren Alltag? Auf jeden Fall mehr Demut gegenüber den eigenen Erinnerungen. Erinnerungen an Alltägliches oder an Ereignisse, die wir nur aus Erzählungen, Nachrichten oder Fotos kennen, sind erstaunlich formbar. Tiefer prägen sich dagegen Erlebnisse ein, die wir selbst intensiv und mit starker emotionaler Beteiligung erfahren haben.
Doch es gibt Wege, auch Gelesenes und Gehörtes tiefer im Gedächtnis zu verankern. Vergangene Kulturen, die stark auf mündliche Überlieferung zurückgriffen, nutzen Auswendiglernen, lautes Rezitieren, häufiges Wiederholen und Überprüfen anhand der Erinnerung anderer Personen, um wichtige Inhalte unverändert über Generationen weiterzugeben. So machten es zum Beispiel die Juden zur Zeit von Jesus. Doch das ist Stoff für einen künftigen Blogeintrag…
Ein eindrücklicher TED Talk von Elisabeth Loftus über ihre Forschung findet sich bei Youtube.
Eine Liste aller bisherigen Blogeinträge befindet sich hier.