Sind Reiche egoistisch?

Haben Sie schon einmal vom Ig-Nobel-Preis gehört? Die Ig-Nobel-Preise wurden 1991 als augenzwinkerndes Gegenstück zu den Nobelpreisen ins Leben gerufen. Sie sollen wissenschaftliche Arbeiten würdigen, die zunächst zum Lachen bringen, aber anschließend zum Nachdenken anregen und damit auch auf die überraschenden und manchmal kuriosen Seiten wissenschaftlicher Forschung aufmerksam machen. Jedes Jahr werden zehn Ig-Nobel-Preise auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft verliehen. Wie ungewöhnlich die ausgezeichneten Themen sein können, zeigen etwa die Untersuchung, warum Toast bevorzugt auf der Butterseite landet, die Beobachtung, dass Kühe durch ein aufgemaltes Zebrafellmuster weniger von Fliegen geplagt werden, oder die Erforschung der Frage, ob Heringe miteinander kommunizieren, indem sie unter Wasser pupsen.

In diesem Jahr erhielten der Psychologie-Professor Paul Piff und vier seiner Kollegen den Ig-Nobel-Preis für Wirtschaftswissenschaften für ihre Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen sozialem Status und unethischem Verhalten. Ihre Experimente und Beobachtungen deuten darauf hin, dass Menschen aus höheren sozialen Schichten eher dazu neigen, sich Vorteile auf Kosten anderer zu verschaffen, etwa im Straßenverkehr oder beim Nehmen von Süßigkeiten, die eigentlich für Kinder bestimmt sind. Im folgenden beschreibe ich einige der Experimente, die Piffs Team durchführte.

Für das erste Experiment beobachteten die Forscher den Verkehr an einer vielbefahrenen Kreuzung mit Stoppschildern an allen vier Zufahrten. Sie wollten wissen, ob der soziale Status eines Autofahrers damit zusammenhing, in wie weit er sich an die Verkehrsregeln hielt. Dazu notierten sie Marke und Zustand der Autos, die sich der Kreuzung näherten und beobachteten, ob die Fahrer anderen die Vorfahrt nahmen, obwohl sie eigentlich hätten warten müssen. Tatsächlich zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang: Je teurer und prestigeträchtiger das Auto, desto häufiger missachtete sein Fahrer die Vorfahrt.

In einer Variante des Auto-Experiments beobachteten die Forscher, wie Autofahrer sich gegenüber Fußgängern verhielten, die an einem Zebrastreifen die Straße überqueren wollten. Wieder schätzten sie den sozialen Status der Fahrer anhand des Autos ein. Das Ergebnis war deutlich: Kein einziges Auto aus der billigsten Kategorie missachtete die Vorfahrt. Bei den teuersten Autos dagegen fuhr fast die Hälfte der Fahrer einfach weiter.

Für das folgende Experiment wurden Studierende der University of California in Berkeley rekrutiert. Die Teilnehmer sollten sich zunächst vorstellen, sie gehörten entweder zu einer besonders wohlhabenden oder zu einer weniger privilegierten sozialen Schicht. Anschließend stand während einer anderen Aufgabe ein Glas mit Süßigkeiten auf dem Tisch. Der Versuchsleiter erklärte, dass diese Süßigkeiten für Kinder in einem benachbarten Labor bestimmt seien, aber dass sie sich etwas davon nehmen dürften. Danach ließ er sie kurz allein. Diejenigen, die zuvor mental in die höhere soziale Schicht versetzt worden waren, nahmen im Durchschnitt fast doppelt so viele Süßigkeiten wie die Teilnehmer der anderen Gruppe.

In einem weiteren Experiment ging es um eine hypothetische Verhandlung. Die Teilnehmer sollten sich vorstellen, sie seien Arbeitgeber und würden mit einem Bewerber über dessen Gehalt verhandeln. Dabei wussten sie etwas, das der Bewerber nicht wusste: Die angebotene Stelle würde in sechs Monaten sicher wegfallen. Die Teilnehmer sollten angeben, wie wahrscheinlich es wäre, dass sie dem Bewerber diese Information mitteilen würden. Je höher die Teilnehmer ihre eigene soziale Stellung einschätzten, desto weniger waren sie bereit, die Wahrheit zu sagen.

Für das folgende Experiment wurden knapp 200 Erwachsene über eine Anzeige angeworben. Sie bekamen die Möglichkeit, an der Studie teilzunehmen und dabei einen 50-Dollar-Gutschein zu gewinnen. Die Teilnehmer sollten am Computer fünfmal hintereinander einen scheinbar zufälligen Würfelwurf auslösen. Je höher die Summe der fünf Ergebnisse war, desto größer war ihre Chance, den Geldpreis zu gewinnen. Anschließend sollten sie ihre Gesamtpunktzahl angeben. Tatsächlich waren die Würfelergebnisse für alle Teilnehmer vorgegeben und ergaben zusammen 12 Punkte. Wer mehr als 12 Punkte angab, musste also geschummelt haben. Auch hier zeigte sich ein Zusammenhang mit der sozialen Stellung: Je höher die Teilnehmer ihre eigene soziale Stellung einschätzten, desto stärker fiel das Schummeln aus.

Für ein besonders anschauliches Experiment ließen die Wissenschaftler jeweils zwei einander unbekannte Personen Monopoly gegeneinander spielen. Durch einen Münzwurf wurde zufällig bestimmt, wer der „reiche“ Spieler sein sollte: Er bekam doppelt so viel Startgeld, erhielt beim Überqueren von „Los“ das doppelte Gehalt und durfte mit zwei statt mit einem Würfel würfeln. Die Spieler wussten also, dass die Bedingungen ungerecht waren. Trotzdem begannen die privilegierten Spieler im Laufe des 15-minütigen Spiels, sich auffallend dominanter zu verhalten: Sie bewegten ihre Spielfiguren geräuschvoller, zeigten ihre Erfolge demonstrativ und aßen mehr von den bereitstehenden Brezeln. Nach dem Spiel erklärten sie ihren Erfolg außerdem eher mit ihrem eigenen geschickten Spiel, obwohl ihr Vorteil von Anfang an zufällig festgelegt worden war.

All diese Experimente zeigen einen klaren statistischen Zusammenhang zwischen höherem (wahrgenommenem) sozialem Status und egoistischerem Verhalten. Die Autoren führen den Zusammenhang vor allem darauf zurück, dass Menschen mit höherem sozialen Status unabhängiger von anderen sind und über mehr Ressourcen verfügen, wodurch äußere Hemmnisse und die wahrgenommenen Risiken unethischen Verhaltens geringer sein können. Zugleich könne diese Unabhängigkeit dazu führen, dass sie sich stärker auf ihre eigenen Interessen konzentrieren, die Folgen ihres Handelns für andere weniger beachten und Gier positiver bewerten.

Ich finde die Parallelen zwischen diesen Forschungsergebnissen und einigen Aussagen Jesu interessant: Jesus äußert sich an mehreren Stellen kritisch über Reichtum und warnt vor den damit verbundenen Gefahren. Im Gleichnis vom reichen Kornbauern warnt er davor, das eigene Leben auf den Besitz zu gründen, und in der Bergpredigt stellt er dem Sammeln von Schätzen auf der Erde das Trachten nach Gottes Reich gegenüber. Besonders deutlich ist seine Aussage: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt“ (Mt 19,24). Reichtum hat laut Jesus die Macht, den Menschen an sich selbst und seinen Besitz zu binden und ihn von Gott und von anderen Menschen zu entfremden. Das ist ähnlich zu Piffs Erklärung, dass größere Unabhängigkeit und die Konzentration auf das eigene Interesse dazu führen können, dass die Interessen anderer weniger berücksichtigt werden.

Bereits im Alten Testament im Buch der Sprüche zeigt sich das Wissen um den Hang der Reichen zum Egoismus. Dort heißt es: „Der Arme redet flehend, aber der Reiche antwortet hart“ (Spr. 18,23). Und Sprüche 28,6 weist darauf hin, dass moralische Integrität wichtiger ist als materieller Wohlstand: „Besser ein Armer, der untadelig lebt, als ein Reicher, der krumme Wege geht.“

Es ist zu wünschen, dass dieser Ig-Nobel-Preis alle, die davon lesen, dazu animiert, sich kritisch zu prüfen, ob ihr Erfolg oder Reichtum auch sie zu egoistischem Verhalten veranlasst. Am Ende des unten verlinkten TED Talks macht Piff Hoffnung mit den Ergebnissen eines weiteren Experiments: Schon kleine Impulse, die an die Bedeutung von Gemeinschaft und gegenseitiger Rücksichtnahme erinnern, können dazu beitragen, dass auch Reiche sich großzügiger und empathischer verhalten.


Meine Quellen für die genannten Studien sind der Artikel von Paul Piff und Kollegen: Higher social class predicts increased unethical behavior, PNAS 109, 4086 (2012) und ein TED Talk von Paul Piff.

Eine Liste aller bisherigen Blogeinträge befindet sich hier.

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