Hat Darwin Gott getötet?
Gestern stieß ich auf die sehr gute Doku „Did Darwin Kill God?“, die vom britischen Fernsehsender BBC im Darwin-Jahr 2009 ausgestrahlt wurde und Millionen Menschen erreichte. (Lasst euch nicht vom spanischen Titel des Youtube-Videos abschrecken, die Doku ist auf Englisch.) Der Philosoph und Theologe Conor Cunningham hat diese Doku erstellt, um seinen Landsleuten klarzumachen, dass die Neuen Atheisten um Richard Dawkins nicht Recht haben, wenn sie behaupten, die Evolutionstheorie habe den Glauben an Gott als Schöpfer widerlegt. Im Folgenden fasse ich wichtige Aussagen der Doku zusammen.
Die Doku beginnt in der Antike mit den jüdischen und frühen christlichen Auslegern der Bibel und zeigt auf, dass ein wortwörtliches Verständnis der sechs Schöpfungstage aus Genesis 1 schon damals keineswegs die allgemeine Auffassung war. Der jüdische Philosoph und Theologe Philo von Alexandria wies darauf hin, dass das wortwörtliche Verständnis zu scheinbaren Widersprüchen führt, die sich auflösen, wenn man nach der eigentlichen Botschaft des Textes fragt. So wird zum Beispiel am Tag 1 der Wechsel von Tag und Nacht erschaffen, aber erst am Tag 4 die Sonne, die diesen Rhythmus bestimmt. Wenn man die Tage nicht als zeitliche Abfolge, sondern als einen Erzählrahmen versteht, verschwindet dieser Widerspruch. Ähnlich sah es der Kirchenvater Augustinus, der davor warnte, mit Berufung auf die Bibel Behauptungen über die Natur zu äußern, von denen gebildete Menschen wissen, dass sie falsch sind. Dadurch mache man den Glauben zum Gespött dieser Menschen: „Nichts ist nun peinlicher, gefährlicher und am schärfsten zu verwerfen, als wenn ein Christ mit Berufung auf die christlichen Schriften zu einem Ungläubigen über diese Dinge Behauptungen aufstellt, die falsch sind und, wie man sagt, den Himmel auf den Kopf stellen, so dass der andre kaum sein Lachen zurückhalten kann.“ (Aus De Genesi ad Litteram, 1. Buch, 19. Kapitel, Übersetzt von Carl Johann Perl. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1961) Der Schöpfungstext erlaube verschiedene Auslegungen, und man solle sich nicht vorschnell auf eine versteifen: „Wir lesen in der Heiligen Schrift von so manchen dunklen, unseren Augen allzuweit entfernten Dingen, über die wir auch in dem gesunden Glauben, in den wir eingeweiht sind, verschiedene Meinungen haben dürfen. Aber in keine von ihnen sollten wir uns kopfüber hineinstürzen, dass wir gleich am Sinn der göttlichen Schrift verzweifeln, sobald unsere Meinung vielleicht durch eine sorgfältige Untersuchung in Wahrheit umgestoßen wird.“ (Aus De Genesi ad Litteram, 1. Buch, 18. Kapitel) Augustinus hatte die Vorstellung, dass erst mit der Schöpfung Raum und Zeit begonnen haben. In diesem Anfang schuf Gott laut Augustinus die Welt mit all ihren Anlagen für die zukünftigen Entwicklungen.
Ein wortwörtliches Verständnis der ersten Kapitel der Bibel fand erst nach der Reformation weite Verbreitung. Denn damals begannen viele Menschen, die Bibel eigenständig und losgelöst von der traditionellen Interpretation der Kirche zu lesen. Der anglikanische Bischof James Ussher berechnete im 17. Jahrhundert aufgrund der in der Bibel angegebenen Stammbäume, dass der Schöpfungsakt im Jahre 4004 vor Christus am 23. Oktober stattfand. Diese Jahreszahl fand seitdem Eingang in diverse Ausgaben der King James Bibel und wurde in der Scofield Study Bible bis ins 20. Jahrhundert hinein zitiert.
Als die geologische Erforschung der Erde im 19. Jahrhundert zeigte, dass die Erde sehr viel älter als 6000 Jahre sein muss, wurde dies von der anglikanischen Kirche ohne Probleme akzeptiert. Die führenden Geologen der damaligen Zeit waren nämlich nicht nur Professoren in Cambridge und Oxford, sondern auch ordinierte Priester der anglikanischen Kirche. (Damals mussten Professoren beider Universitäten zölibatär leben und sich zum Priester ordinieren lassen.) Man war sich im Klaren, dass die Schöpfungstage auf verschiedene Weise ausgelegt werden können, und damals fand die Auffassung, dass die Schöpfungstage längere Epochen darstellen, viele Anhänger.
Während der industriellen Revolution verbreitete sich die Vorstellung, dass Gott wie ein Ingenieur die ausgeklügelten Mechanismen in den Lebewesen geschaffen habe. Das vom Theologen und Philosophen William Paley entwickelte Bild von Gott als „Uhrmacher“ wurde weit bekannt. Doch dann stellte Darwin 1859 die alternative Theorie auf, dass Gott das Leben mit der Fähigkeit ausgestattet habe, sich durch den Mechanismus von Mutation und Selektion zu entwickeln. In seinem Buch „The Origin of Species“ wird der Schöpfer mehrfach erwähnt, und Darwin war weit davon entfernt, Atheist zu sein. Allerdings hatte er einige Jahre vor der Publikation seines Buches den spezifisch christlichen Glauben verloren, als seine von ihm sehr geliebte Tochter Annie im Alter von zehn Jahren an der Cholera starb. Doch der Glaube, dass hinter der wunderbaren Komplexität des Lebens ein herausragender Geist stehen muss, blieb ihm erhalten. Gut 60 Jahre lang gab es keinen ernsthaften Konflikt zwischen Darwins Theorie und der Kirche, da viele Kirchenvertreter der Auffassung waren, dass Evolution und christlicher Glaube gut miteinander vereinbar sind.
Dies wurde erst in den 1920er Jahren anders, als der amerikanische Fundamentalismus an politischem Einfluss gewann. Damals wurde in mehreren US-Bundesstaaten verboten, die Evolution des Menschen in der Schule zu lehren. Der Lehrer John Thomas Scopes in Dayton im Staat Tennessee widersetzte sich und provozierte somit einen Gerichtsprozess, der große nationale und internationale Aufmerksamkeit erregte und als Scopes Trial oder „Affenprozess“ in die Geschichte einging. Der wichtigste fundamentalistische Vertreter der Anklage war der progressive demokratische Politiker William Jennings Bryan. Seine Ablehnung der Evolutionstheorie war stark durch die weite Verbreitung des Sozialdarwinismus motiviert, der in direktem Widerspruch zur christlichen Ethik steht. Bryan beobachtete, wie Darwins Lehre als Rechtfertigung für den Ersten Weltkrieg, die rücksichtslose Ausbeutung der Arbeiter und die damalige Zwangseugenik missbraucht wurde. Dass man die naturwissenschaftliche Theorie der Evolution von ideologischen Deutungen wie dem Sozialdarwinismus strikt trennen sollte, war damals noch nicht allgemein klar.
Bryan war übrigens kein Junge-Erde-Kreationist, sondern glaubte, dass die Erde alt ist. Der Glaube an eine junge Erde setzte sich im amerikanischen Fundamentalismus erst in den 1960er Jahren durch, nach dem Erscheinen des Buchs „The Genesis Flood“ von Morris und Whitcomb. In diesem Buch wird die Entstehung der geologischen Schichten und Fossilien auf die Sintflut zurückgeführt. Dieser Versuch, aus den ersten Kapiteln der Bibel ein naturwissenschaftliches Lehrbuch zu machen, schreibt der Naturwissenschaft eine letztgültige Autorität zu, die nach christlichem Verständnis allein Gott zukommt. Doch seit dieser Zeit versteht sich der Junge-Erde-Kreationismus als eine alternative Naturwissenschaft.
Auch die Intelligent-Design-Bewegung ist nach Cunninghams Meinung fehlgeleitet, denn sie versteht Gott als jemanden, der immer wieder in die Natur eingreift, um „irreduzibel komplexe“ biologische Systeme zu erzeugen. Doch Gott ist nicht nur punktuell in die Natur involviert, sondern er trägt und erhält sie permanent, während der gesamten Entwicklungsgeschichte des Universums und des Lebens.
Auch auf biologischer Seite gab es Fehlentwicklungen: Die vereinfachte Darstellung, dass Evolution von „egoistischen Genen“ (so der Titel eines Buches von Richard Dawkins) angetrieben werde, ist nicht haltbar. Francis Collins, der das Humangenomprojekt leitete und sich als bekennender Christ häufig zum Verhältnis von Glaube und Wissenschaft äußert, weist darauf hin, dass wir Menschen nicht mehr Gene haben als ein Wurm. Die Entwicklung des Lebens muss folglich komplexer sein als eine schlichte Selektion besser angepasster Gene.
Richard Dawkins entwickelte in dem genannten Buch auch die Vorstellung von „Memen“, also von Ideen, die sich von Mensch zu Mensch durch Nachahmung verbreiten und ähnlich wie Gene dem Prozess von Mutation und Selektion unterworfen sind. Der Glaube an Gott sei ein solches Meme. Doch diese Theorie von Memen widerlegt sich selbst: Wenn sie stimmt, ist sie ja selbst nur ein Meme und hat sich nur deshalb durchgesetzt, weil sie viele Nachahmer findet, völlig unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt.
Am Ende der Doku interviewt Cunningham den gläubigen Paläontologen Simon Conway Morris. Sein wichtigstes Forschungsthema ist die „konvergente Evolution“, also die Tatsache dass in der Entwicklung des Lebens immer wieder ähnliche Lösungen für ähnliche Herausforderungen gefunden wurden, wie zum Beispiel das Kameraauge oder Flügel. Er betont, dass die Evolutionstheorie noch lange nicht ihre endgültige Form gefunden hat. Wie jede wissenschaftliche Theorie durchläuft sie einen Entwicklungsprozess. Conway Morris versteht Evolution wie eine „Suchmaschine“, die eine Wirklichkeit entdeckt, die schon längst immateriell vorhanden ist. Das passt sehr gut zum Glauben an Gott als Schöpfer.
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