Im Gedächtnis bewahrt: Die jüdischen Wurzeln der Evangelien
Um zu verstehen, wie die Überlieferung über Jesus in der Anfangszeit des Christentums bewahrt wurde, lohnt ein Blick auf die jüdische Lernkultur des 1. Jahrhunderts. Einen wichtigen Beitrag dazu leistete der schwedische Neutestamentler Birger Gerhardsson in seiner 1961 veröffentlichten Doktorarbeit Memory and Manuscript. Gerhardssons Dissertation gehört bis heute zu den gründlichsten Untersuchungen zur jüdischen Traditionsweitergabe und ihrer Bedeutung für die Überlieferung der Worte und Taten Jesu. Mit seiner Dissertation Jesus als Lehrer (1981) vertiefte Rainer Riesner diesen Forschungsansatz und untersuchte, wie Jesus im jüdischen Bildungs- und Lehrbetrieb seiner Zeit gelehrt hat und wie seine Jünger ausgebildet wurden. Die folgenden Ausführungen basieren auf diesen beiden Doktorarbeiten und dem kleinen Buch Jesus und seine Schüler (1991) von Franz Stuhlhofer.
Im Zentrum des jüdischen Lebens stand die Torah. Im engeren Sinn sind damit die fünf Bücher Mose gemeint; im weiteren Sinn umfasste der Begriff die gesamte heilige Schrift Israels, den Tanach (d.h. unser Altes Testament, unterteilt in die 5 Bücher Mose, die Propheten und die Schriften). Die Torah wurde mit äußerster Genauigkeit auf Schriftrollen abgeschrieben. Die Weitergabe der Torah begann im Elternhaus, wo Väter ihre Söhne im Gesetz unterweisen sollten. Darüber hinaus gab es die Grundschule (bet sefer), die meist an eine Synagoge angebunden war. Dort wurde das richtige Vorlesen der Torah geübt und die Torah auswendig gelernt. Denn nur wer den im Synagogengottesdienst vorzulesenden Text, der nur aus Konsonanten bestand, auswendig konnte, konnte ihn auch korrekt und ohne Stocken vortragen. Das Auswendiglernen geschah durch lautes Vorsagen und Nachsprechen, feste rhythmische und melodische Muster sowie durch unablässige Wiederholung. Schon der jüdische Historiker Josephus (1. Jhd.) rühmte das auswendige Wissen seiner Landsleute. Der Kirchenvater Hieronymus (4. Jhd.) berichtete, dass die palästinensischen Juden seiner Zeit Mose und die Propheten auswendig kannten.
Neben der schriftlichen Torah existierte eine umfangreiche mündliche Überlieferung, die sogenannte mündliche Torah. Sie umfasste die über Generationen weitergegebene Auslegung und Anwendung der heiligen Schrift. Zur Auslegung diente der Midrasch, also das methodische Erschließen des biblischen Textes. Inhaltlich lassen sich zwei große Bereiche unterscheiden: Halacha, die rechtliche und praktische Anwendung der Gebote, und Haggada, die erzählende, theologisierende und erbauliche Auslegung. Allerdings hatten nicht alle Inhalte dieser mündlichen Torah ihren Ursprung in der Auslegung des Tanach, denn sie umfassen auch Verordnungen und Entscheidungen aus der nachexilischen Zeit. All diese mündlich tradierte Lehre wurde als Mischna bezeichnet und erst um 200 n. Chr. in ihrer bis heute überlieferten Gestalt schriftlich gesammelt. In der Folgezeit diskutierte und kommentierte die Gemara diese Traditionen weiter. Zusammen bilden Mischna und Gemara den Talmud. Daneben spielten die Targumim, also die Übersetzungen der Torah, eine wichtige Rolle. Nach dem babylonischen Exil verstanden viele Juden das Hebräisch der heiligen Schriften nicht mehr ausreichend, da sie im Alltag Aramäisch sprachen. Deshalb wurde im Gottesdienst die hebräische Bibellesung abschnittsweise zusätzlich in aramäisch wiedergegeben, oft verbunden mit ergänzenden Erklärungen. Während die Targumim zusätzlich zur hebräischen Torah schon in den Grundschulen vermittelt wurden, war die Mischna Stoff der höheren Schule (bet midrasch).
Die mündliche Überlieferung dieser Traditionsmenge war nur möglich, weil das Judentum ausgefeilte Techniken des Memorierens entwickelt hatte. Zum Beispiel wurden Aussagen in prägnante, leicht einprägsame Formen gebracht: kurze Sentenzen, Parallelismen, Antithesen und rhythmische Formulierungen. Herausragende Rabbinen konnten neben dem gesamten Tanach auch große Teile der mündlichen Torah im Gedächtnis behalten. Es gab auch schriftliche Notizen, aber diese waren private Notizen für den persönlichen Gebrauch und keine offiziellen Textversionen.
Das intensive Memorieren war in der Antike keineswegs auf das Judentum beschränkt. Auch die griechische Bildungskultur kannte diese Form des Lernens. Homers Epen bildeten über Jahrhunderte das Fundament der Erziehung; gebildete Griechen konnten große Teile daraus rezitieren. Auch im frühen Christentum spielte das Auswendiglernen biblischer Texte eine wichtige Rolle. Der Kirchenvater Augustinus setzt in seiner pädagogischen Schrift De catechizandis rudibus bei sich und manchen christlichen Katecheten voraus, „dass wir den ganzen Pentateuch, alle Bücher der Richter, der Könige und des Esra, das gesamte Evangelium und die Apostelgeschichte … auswendig gelernt haben“.
Auch bei Jesus können wir davon ausgehen, dass er große Teile des Tanach auswendig kannte, denn er zitierte häufig aus der Torah, den Propheten und den Psalmen. Er kam aus einem frommen Elternhaus und hat offensichtlich die Grundschulausbildung durchlaufen, aber keine höhere Ausbildung zum Rabbi. Dennoch wurde er oft als Rabbi oder Lehrer angeredet, denn er lehrte das Volk, diskutierte mit den Pharisäern und Schriftgelehrten über die Heilige Schrift und sammelte wie ein Rabbi Schüler um sich, die er ungefähr drei Jahre lang intensiv ausbildete. Jesu Art des Unterrichts zeigt Parallelen zur rabbinischen Lehrer-Schüler-Tradition. Seine Jünger lebten mit ihm, lernten von ihm und wurden beauftragt, seine Lehre weiterzugeben. Er unterrichtete sie systematisch, so dass sie seine Lehre zuverlässig im Gedächtnis behalten konnten. Viele Jesusworte besitzen eine Form, die das Memorieren erleichtert: Kurze, prägnante Sätze, Parallelismen, Antithesen und bildhafte Gleichnisse. Sätze, die auf Anhieb im Gedächtnis hängen bleiben, sind zum Beispiel „Die Ersten werden die Letzten sein“, „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden“ oder „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“. Außerdem zog Jesus als Wanderprediger umher und hielt viele Male ähnliche Predigten für breite Zuhörerschaften. Da sein enger Jüngerkeis immer dabei war, dürften sie diese Predigten bald auswendig gekannt haben.
Während die Schüler anderer Rabbis sich von verschiedenen Lehrern ausbilden ließen, band Jesus seine Jünger an sich und führte sie zu der Erkenntnis, dass er der verheißene Messias sei. Er lehrte, dass sich in seiner Person die Heilige Schrift erfülle (z. B. Mt. 5,17–18; Lk. 4,21). Gerade deshalb hatten seine Jünger allen Grund, sich seine Worte und Lehren sorgfältig einzuprägen. Nach seiner Auferstehung gewann dies noch größere Bedeutung. Zwischen seiner Auferstehung und seinem endgültigen Weggang unterwies Jesus seine Jünger vierzig Tage lang und zeigte ihnen, wie der Tanach auf sein Leiden, Sterben und Auferstehen hinweist. Die Jünger übernahmen damit nicht nur Jesu Worte und Taten, sondern auch seine Auslegung der Heiligen Schrift. Die frühe Kirche verstand den Tanach weiterhin als Gottes Wort, las ihn nun aber im Licht Jesu neu. In diesem Sinn entstand eine christliche Form des Midrasch: Die Schriften Israels wurden auf Christus hin ausgelegt. So wie die mündliche Torah im Judentum die schriftliche Torah auslegte und auf neue Situationen anwandte, bewahrte die frühe Kirche die Worte und Taten Jesu und verstand sie zugleich als maßgeblichen Schlüssel zum Verständnis des Alten Testaments.
Die Apostel wurden zu den maßgeblichen Gewährsleuten sowohl der Jesusüberlieferung als auch dieser christologischen Schriftauslegung. In der Urgemeinde spielten sie eine ähnliche Rolle wie autorisierte Lehrer in jüdischen Traditionsketten. Als Apostel galten nur diejenigen, die von Anfang an Jesus begleitet und von ihm gelernt hatten und außerdem Zeugen seines Leidens und seiner Auferstehung geworden waren (Apg. 1,21–22). Eine besondere Rolle spielte Paulus, der Jesus nicht während seines irdischen Wirkens gefolgt war, ihm aber vor Damaskus begegnete. Er ließ sich von den anderen Aposteln über Jesu Worte und Taten unterrichten, etwa während seines vierzehntägigen Aufenthalts bei Petrus (Gal. 1,18). Zugleich legte auch Paulus den Tanach konsequent auf Christus hin aus und setzte damit diese neue Form des Midrasch fort. Auch ihm war es wichtig, die ihm anvertraute Botschaft zuverlässig weiterzugeben. Beispiele sind die Überlieferung von Tod und Auferstehung Jesu in 1. Kor. 15 („Ich habe euch überliefert, was ich auch empfangen habe …“) sowie die Einsetzungsworte des Abendmahls in 1. Kor. 11.
Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass mehrere Monate oder höchstens wenige Jahre nach Jesu Weggang ein großer Bedarf nach schriftlichen Informationen über Jesu Taten und Worte entstand. Als das Urchristentum sich über Jerusalem hinaus ausbreitete, gab es immer mehr Gemeinden, die nur gelegentlich oder nie einen Augenzeugen in ihrer Mitte hatten. Sie waren deshalb auf schriftliche Aufzeichnungen angewiesen, um sie sich selbst einzuprägen und Neubekehrten übermitteln zu können. Es ist darüber hinaus plausibel, dass sogar schon zu Lebzeiten Jesu Aufzeichnungen über seine Lehre gemacht wurden, denn einige der Jünger, wie z.B. der ehemalige Zöllner Matthäus, konnten lesen und schreiben. So könnten schon sehr früh Texte entstanden sein, die später als Basis der Evangelien dienten.
Auch in den Generationen nach den Aposteln wurde die zuverlässige Überlieferung der christlichen Lehre wichtig genommen. Dies sehen wir in den Schriften der Kirchenväter. Zum Beispiel verweist Irenäus im 2. Jahrhundert darauf, dass er selbst als junger Mann Polycarp gehört habe, der wiederum Schüler des Apostels Johannes gewesen sei. Dies ist ein Indiz dafür, dass die frühe Kirche ihre Überlieferung ganz ähnlich wie die Lehrer-Schüler-Ketten im Judentum verstand.
Angesichts der erwähnten jüdischen Erinnerungskultur, der sorgfältigen und bewusst gepflegten Traditionsweitergabe sowie der frühen schriftlichen Aufzeichnungen spricht vieles dafür, dass die Evangelien auf einer zuverlässigen Überlieferung der Worte und Taten Jesu beruhen.
Die Dissertation von
Birger Gerhardsson ist im Internet
Archive frei verfügbar. Eine ausführliche Zusammenfassung und
Rezension ist in der Zeitschrift Theological Studies zu
finden.
Dieser Blogbeitrag ist eine Fortsetzung und ein Gegenstück zum vorletzten Beitrag über die Fehlbarkeit der menschlichen Erinnerungen.
Eine Liste aller bisherigen Blogeinträge befindet sich hier.