War Louis Pasteur ein Kreationist?

Als ich neulich im Internet eine Suchanfrage zu dem berühmten Chemiker Louis Pasteur (1822-1895) machte, staunte ich nicht schecht, als einer der ersten Treffer eine kreationistische Webseite war. Louis Pasteur hatte gezeigt, dass Mikroorganismen nicht spontan entstehen, sondern nur durch Vermehrung schon vorhandener Mikroorganismen. Darauf verweisen Kreationisten, um zu argumentieren, dass das Leben auf der Erde nicht aus unbelebter Materie entstanden sein kann. Pasteur hat damit aus ihrer Sicht Evolution widerlegt, und deshalb wird er von ihnen vereinnahmt, zumal er sich auch skeptisch gegenüber der damals ganz neuen Theorie Darwins äußerte.

Bevor wir diskutieren, ob Pasteur als Kreationist verstanden werden kann, sollten wir den Begriff klären: In einem allgemeinen Sinn sind alle, die glauben, dass Gott der Schöpfer der Welt und des Lebens ist, Kreationisten. In diesem Sinne bin ich es auch. Schon der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin lehrte, dass wir zwischen Erst- und Zweitursachen unterscheiden müssen. Gott ist die Erstursache von allem, was geschaffen ist. Doch oft benutzt er die von ihm in die Natur gelegten Gesetzmäßigkeiten und Möglichkeiten als Zweitursachen. Heutzutage wird der Begriff „Kreationist“ mit einer engeren Bedeutung verwendet: Kreationisten leugnen die entwicklungsmäßigen Prozesse, durch die Spezies entstanden sind, und postulieren, dass zumindest „Grundtypen“ von biologischen Arten direkt von Gott geschaffen wurden. Oft sind sie „Junge-Erde-Kreationisten“, die glauben, dass Gott die Welt in sechs wörtlich verstandenen Tagen erschaffen hat, und dass dies vor ca. 10000 Jahren war. Damit lehnen sie wesentliche Forschungsergebnisse der vergangenen 200 Jahre ab.

Ganz anders Louis Pasteur: Er war ein genialer Forscher, der sich nicht durch vorgefasste Meinungen einschränken ließ. Die Vielfalt an wissenschaftlichen Fragen, zu denen er wesentliche Beiträge leistete und die außerdem zu einem gewaltigen praktischen Nutzen führten, ist sehr beeindruckend: Als er 1854 als Chemie-Professor an die Universität Lille kam, bat ihn ein lokaler Fabrikant um Hilfe. Seine alkoholische Zuckerrübenmaische verdarb immer wieder, roch faulig und brachte ihn in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Pasteur untersuchte gesunde und verdorbene Proben unter dem Mikroskop und fand in der funktionierenden Maische lebende Hefezellen, während die verdorbenen Proben von winzigen stäbchenförmigen Bakterien beherrscht wurden. Damit konnte er zeigen, dass Fermentation nicht nur eine chemische Reaktion, sondern ein biologischer Prozess ist – ausgelöst durch Mikroorganismen.

Diese Erkenntnisse brachten ihn mitten hinein in eine lebhafte wissenschaftliche Debatte: Entstehen Mikroben spontan aus toter Materie oder stammen sie stets von bereits existierenden Keimen ab? Viele Ärzte hielten an der spontanen Entstehung fest, und auch berühmte Chemiker sahen keine aktive Rolle der Mikroorganismen. Pasteur widersprach. Mit seinen berühmten Schwanenhalskolben, in denen Nährlösung der Luft ausgesetzt war, ohne dass Staubpartikel – und damit Keime – eintreten konnten, zeigte er, dass die Flüssigkeit steril blieb, solange keine Mikroorganismen hineingelangten. Neigte man den Kolben jedoch so, dass die Flüssigkeit in Kontakt mit dem verunreinigten Glas im gebogenen Hals kam, trübte sie sich bald durch Bakterienwachstum. Pasteur konnte damit die alte Vorstellung der spontanen Entstehung gewisser Lebewesen endgültig widerlegen und das Prinzip „Leben entsteht nur aus Leben“ wissenschaftlich absichern.

Zu dieser Zeit war Pasteur längst zu einer nationalen Figur geworden, und so wandte sich 1863 sogar Napoleon III. an ihn. Der französische Wein, ein entscheidender Wirtschaftsfaktor, verdarb häufig und schmeckte säuerlich. Händler in England beschwerten sich und der Ruf der französischen Winzer war in Gefahr. Pasteur reiste zurück in seine Heimat Arbois, untersuchte Weine, Fässer und Keller und fand neben den ihm schon bekannten Milchsäurebakterien noch weitere Bakterien, von ihm Mycoderma aceti genannt, die das Sauerwerden des Weins verursachen, da sie Alkohol in Essig verwandeln. Seine Lösung war ebenso einfach wie genial: die Weine kurz auf 50–60 °C zu erhitzen, um die Mikroben abzutöten. Damit war die „Pasteurisierung“ erfunden – ein Verfahren, das sich später weltweit durchsetzte und Millionen Menschen vor Krankheiten durch verunreinigte Lebensmittel schützte. Wein wird inzwischen allerdings nur noch selten pasteurisiert. Man fügt stattdessen dem Wein Sulfite zu.

Pasteurs Arbeit beschränkte sich nicht auf Getränke. In den 1860er-Jahren bat ihn die französische Regierung um Hilfe bei einem wirtschaftlichen Drama: Die Seidenraupenzucht Südfrankreichs kollabierte. Millionen Raupen starben an einer geheimnisvollen Krankheit, und ganze Landstriche standen vor dem Ruin. Pasteur untersuchte monatelang Raupen, Eier und die Blätter, von denen sie fraßen. Seine Frau half ihm dabei, eigene Seidenraupen zu züchten. Schließlich fand er nicht nur einen, sondern zwei verschiedene Erreger und entwickelte ein einfaches, aber wirksames Verfahren: Die Züchter sollten nur Eier verwenden, die unter dem Mikroskop keine charakteristischen Krankheitsspuren zeigten, und streng auf Hygiene achten. So gelang es, die Seidenindustrie zu retten und gleichzeitig zentrale Prinzipien der Ansteckung zu verstehen.

Auch seine weiteren Erfolge begannen oft als Reaktion auf praktische Notlagen. Als in den späten 1870er-Jahren in Frankreich eine Seuche unter Hühnern ausbrach, die sogenannten Hühnercholera, begann Pasteur, die verantwortlichen Bakterien zu kultivieren und Hühnern zu injizieren, um nachzuweisen, dass diese Bakterien die Auslöser der Krankheit waren. Ein glücklicher Zufall führte zur nächsten Revolution: Eine Kultur, die sein Assistent versehentlich hatte stehen lassen, war abgeschwächt und verursachte nur eine milde Erkrankung – doch die Tiere, die sie überstanden, wurden gegen zukünftige Infektionen immun. Dies war der erste, unabsichtlich hergestellte Impfstoff der Geschichte.

Der Triumph wiederholte sich bei einer noch gefährlicheren Tierseuche: dem Milzbrand (Anthrax), der ganze Viehbestände dahinraffte. Pasteur entwickelte einen Impfstoff aus abgeschwächten Bakterien und stellte sich 1881 einer öffentlichen Prüfung auf einem Bauernhof in Pouilly-le-Fort. Vor großem Publikum wurden zwei Gruppen von Tieren – eine geimpft, eine ungeimpft – dem tödlichen Erreger ausgesetzt. Nach wenigen Wochen lagen die ungeimpften Tiere tot im Gras, während die geimpften gesund blieben. Dieser dramatische Erfolg überzeugte selbst skeptische Kollegen von der Keimtheorie und der Wirksamkeit von Impfungen.

Der wohl berühmteste Moment in Pasteurs Leben ereignete sich 1885. Eine Mutter brachte ihren neunjährigen Sohn zu ihm nach Paris – das Kind war zwei Tage vorher mehrfach von einem tollwütigen Hund gebissen worden. Tollwut verlief damals fast immer tödlich. Pasteur hatte bereits einen Impfstoff im Tierversuch erfolgreich getestet, doch noch nie an einem Menschen. Obwohl er zögerte, entschied er sich angesichts der hoffnungslosen Lage des Jungen zum Handeln. In mehreren aufeinanderfolgenden Injektionen verabreichte er dem Kind sein abgeschwächtes Viruspräparat. Joseph erkrankte nicht. Sein Überleben war eine Sensation. Pasteur erhielt finanzielle Unterstützung, um 1888 das Institut Pasteur für die Impfung gegen Tollwut und die Erforschung weiterer Krankeiten zu gründen. (Den Namen des Instituts wählten seine Schüler.) Das Institut Pasteur zählt bis heute zu den führenden Institutionen der Infektionsforschung und hat seitdem zahlreiche medizinische Durchbrüche erzielt.

Pasteur war ein gläubiger Christ. Er besuchte an den meisten Sonntagen mit seiner Frau die Messe und ließ sich in seinen letzten Lebensjahren, als er gesundheitlich geschwächt war, regelmäßig spirituelle Texte vorlesen. Gleichzeitig betonte er, dass wissenschaftliche Arbeit strikt auf überprüfbaren Fakten beruhen müsse. Er schrieb, dass Wissenschaft sich auf das beschränke, „was sie zeigen kann“, und dass Fragen nach „primären Ursachen nicht in den Bereich der Wissenschaft“ gehören. Wie viele Naturforscher seiner Zeit ging er anfangs davon aus, dass Tier- und Pflanzenarten weitgehend unveränderlich seien. Diese Annahme beruhte weniger auf religiöser Motivation als auf dem damaligen Stand der Beobachtung. Als Charles Darwins Evolutionstheorie bekannt wurde, begegnete Pasteur ihr zunächst vorsichtig, allerdings nicht aus prinzipieller Ablehnung, sondern weil Darwins Ideen in Frankreich häufig mit einer radikal materialistischen Weltanschauung verknüpft wurden. Einige Philosophen und Wissenschaftler nutzten die neue Theorie, um die Existenz Gottes grundsätzlich in Frage zu stellen – eine Schlussfolgerung, die Pasteur entschieden zurückwies, ohne deshalb die Evolution selbst zu verwerfen.

Entscheidend ist, dass Pasteur seine Position änderte, als seine Forschungsergebnisse ihn in diese Richtung führten. Bei seinen Experimenten mit abgeschwächten Anthrax-Bakterien stellte er fest, dass Mikroorganismen ihre Eigenschaften verändern können, wenn sich ihre Umweltbedingungen ändern. Diese Beobachtung passte nicht zu der Vorstellung vollkommen fester Arten. Pasteur kam daraufhin zu dem Schluss, dass Lebewesen grundsätzlich veränderlich sind. Damit näherte er sich der Sichtweise des französischen Naturforschers Jean-Baptiste Lamarck an, der eine durch Umweltfaktoren beeinflusste Veränderung von Arten angenommen hatte und so als erster eine Evolutionstheorie vorgeschlagen hatte.

Wir können deshalb folgern, dass Pasteur kein Kreationist war. Er war ein gläubiger Christ, der an einen Schöpfer glaubte, doch er trennte sehr bewusst zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und religiöser Überzeugung. Für ihn musste Wissenschaft auf beobachtbaren Fakten beruhen – und wenn die Fakten zeigten, dass Organismen sich verändern, dann akzeptierte er das. Diese Bereitschaft, sich den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu stellen, selbst wenn sie nicht zur bisherigen Überzeugung passen, vermisse ich im Kreationismus.

Zu diesem Blogbeitrag wurde ich genau wie zum vorigen Blogbeitrag durch die Lektüre des Buchs „The Most Famous Christian Biologists in History“ von Niels Arboel inspiriert. ChatGPT hat die erste Version meiner Zusammenfassung der wissenschaftlichen Errungenschaften Pasteurs auf Basis des Buchkapitels über Louis Pasteur geschrieben.

Eine Liste aller bisherigen Blogeinträge befindet sich hier.

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