Belebtes Wasser?

Kürzlich verbrachten wir im Urlaub ein paar Tage in einem Hotel, das „belebtes Wasser“ anbot. An einem schön gestalteten Wasserhahn neben einem großen Fenster, das einen wunderbaren Blick in die Natur bot, stand „Belebtes Wasser erfrischt Körper, Geist und Seele für mehr Wohlbefinden und eine höhere Lebensqualität“ und ein Verweis auf eine Firma. Als ich nachforschte, mit welcher Methode das Wasser „belebt“ wird, erfuhr ich, dass ein spezieller Silizium-„Speicher“ angeblich natürliche, positive Energien auf das vorbeifließende Wasser überträgt. Das Ergebnis sei ein „feiner, weicher Geschmack“. Dieser Siliziumspeicher sei „dauerhaft energetisch programmiert“. Er wird von außen an die Wasserleitung angebracht und wirkt auf das Wasser durch die Leitungswand hindurch.

Als Physikerin weiß ich, dass derartige Behauptungen wissenschaftlich nicht haltbar sind. Beginnen wir mit dem Silizium-„Speicher“: Es heißt, dass er dauerhaft an das Wasser positive Energie abgeben kann. Was ist mit dieser Energie gemeint? Energie im physikalischen Sinn kann es nicht sein, denn die müsste an das Silizium immer wieder nachgeliefert werden, damit es sie dauerhaft weitergeben kann. Eines der grundlegendsten Prinzipien der Physik ist die Energieerhaltung: Energie kann nicht spontan erzeugt werden, sondern sie kann nur in andere Formen umgewandelt werden. Um eine fortwährende Energieübertragung kann es sich also nicht handeln. Ähnlich ist es mit der angeblichen Übertragung von Schwingungen: Man kann keine Schwingungen übertragen, ohne dabei Energie aufzuwenden. Damit die Wassermoleküle schwingen, müssen sie zu einer oszillierenden Bewegung gebracht werden, und dazu muss man sie regelmäßig anstoßen oder durch ein oszillierendes elektrisches oder magnetisches Feld in Schwingung versetzen, wofür man Energie aufwenden muss. Wenn der Siliziumspeicher nicht mit Energie versorgt wird, kann er dies nicht dauerhaft tun. Ich las auch, dass der Speicher „Informationen“ überträgt. Das soll bedeuten, dass die Anordnung der Wassermoleküle auf eine bestimmte Art verändert wird. Wenn diese Informationsübertragung eine Richtung haben soll, nämlich immer vom Silizium zum Wasser und nicht umgekehrt, muss man wieder das Silizium mit Energie versorgen, um die informationstragenden Strukturen aufrecht zu erhalten bzw. immer wieder zu erneuern. Es ist also physikalisch unmöglich, dass das Silizium dauerhaft Energie oder Schwingungen oder Strukturinformation an das Wasser überträgt. Doch – eine Denkmöglichkeit gibt es noch: die nötige Energie könnte aus dem Fließen des Wassers kommen: Wenn das Wasser beim Vorbeifließen durch die Informationsübertragung abgebremst würde, könnte im Prinzip der Energieerhaltungssatz eingehalten werden. Doch auch das kann nicht die Lösung sein, denn die Firma behauptet ausdrücklich, dass man ein Speicherplättchen in ein Wasserglas oder eine Wasserflasche geben kann, und auch dann würde die Übertragung stattfinden.

Und jetzt müssen wir auf das Wasser zu sprechen kommen: Selbst wenn der Siliziumspeicher so abgeändert und mit Energie versorgt würde, dass er dem Wasser Schwingungen oder Strukturinformationen aufprägen könnte, würden diese nicht lange bestehen bleiben. Wasser ist eine Flüssigkeit, und in Flüssigkeiten gibt es keine festen Bindungen zwischen den Molekülen, sondern die Verbindungen zu Nachbarmolekülen werden immer wieder aufgelöst und neu verknüpft. Wenn die Verbindungen permanent wären, hätten wir keine Flüssigkeit, sondern ein festes Material. Beim Wasser sind diese Verbindungen zwischen den Molekülen Wasserstoffbrückenbindungen. Ich habe einen Kollegen, der mit Hilfe von Kernspinresonanz direkt misst, wie kurzlebig Wasserstoffbrückenbindungen im Wasser sind: Bei Raumtemperatur werden die Wasserstoffbrückenbindungen im Wasser auf der Zeitskala von Pikosekunden aufgelöst und neu verbunden, also Billionen Mal pro Sekunde. Eine einmal eingeprägte Schwingung oder Information kann grundsätzlich nicht als unveränderte Struktur im Wasser weiterbestehen. Wenn man das Wasser in Schwingung versetzen würde, würde also die ungeordnete Bewegung der Wassermoleküle diese Schwingung dämpfen. Und wenn man einer Gruppe von Molekülen eine bestimmte Anordnung aufprägen würde und sie zum Beispiel in einen Ring oder eine Kette anordnen würde, würden diese Anordnung sehr schnell aufgelöst und durch eine mehr zufällige ersetzt. Flüssiges Wasser hat also kein „Gedächtnis“ für Strukturen oder Schwingungen.

Damit ist allerdings noch nicht gesagt, dass das Wasser nicht als wohltuend erlebt werden kann. Unsere Erwartungen beeinflussen unsere Wahrnehmung und unser körperliches Empfinden. In der Medizin und Psychologie sind solche Effekte unter anderem als Placeboeffekte bekannt. Gerade bei dem erwähnten Hotelwasser ist der Einfluss der Umgebung offensichtlich. Der besondere Wasserhahn, der großartige Blick, die angenehme Atmosphäre und die Vorstellung, etwas Gutes für sich zu tun, erzeugen eine Erwartung, bevor überhaupt der erste Schluck getrunken wird. Man kann sich dadurch tatsächlich besser fühlen, ohne dass sich das Wasser zuvor auf geheimnisvolle Weise verändert haben muss.

Ich bin täglich zu diesem Wasserhahn im oberen Stockwerk gegangen, da er neben dem Wasserkocher für Hotelgäste stand. Während ich mir dort Tee zubereitete, dachte ich über das „belebte“ Wasser nach. Warum fehlte eigentlich ein Warnschild, dass das Kochen von Wasser jede aufgeprägte Information zunichte macht? Vermutlich werden nicht einmal die Hersteller dieser Siliziumspeicher glauben, dass die angeblich aufgeprägte Information den Kochvorgang überlebt. Doch ich dachte noch über etwas anderes nach: Wie kann man die wohltuende Wirkung des Trinkens von Wasser erwecken, ohne den Menschen Humbug zu erzählen? Wenn man bewusst innehält, dankbar für das frische Wasser und die wohltuende Umgebung ist und sich klar macht, welch eine großartige Flüssigkeit Wasser ist, tut das Trinken eines Bechers Wasser definitiv gut. Zu diesem bewussten Trinken kann man die Menschen auf verschiedene Weise bringen: Wie wäre ein passender Spruch neben dem Wasserhahn? Oder ein Gedicht, das die lebenspendende Wirkung des Wassers illustriert? Oder ein Bild, das die durch Wasser grünende und blühende Natur darstellt? Oder ein Bibelvers, der vom Wasser spricht? Zum Beispiel Psalm 1, der sagt, dass wer über Gottes Worte nachdenkt wie ein Baum ist, der am Wasser gepflanzt ist? Oder die Aussage von Jesus, dass er das lebendige Wasser gibt, das den Durst dauerhaft stillt? Ja, ich denke, wenn ich die Inhaberin des Hotels wäre, würde ich ein Bild und einen Bibelvers anbringen.

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