Der Templeton-Preisträger 2026: Simon Conway Morris


Der britische Paläontologe Simon Conway Morris wird in diesem Jahr mit dem Templeton-Preis ausgezeichnet. Der Templeton-Preis ist einer der am höchsten dotierten Preise weltweit und wird an Persönlichkeiten verliehen, die die Möglichkeiten der Wissenschaft nutzen, um den großen Fragen nach dem Universum und der Rolle und Bestimmung des Menschen darin nachzugehen. Nicht wenige der bisherigen Preisträger haben wichtige Beiträge zum Verhältnis von Wissenschaft und Glauben geleistet, und einige von ihnen durfte ich sogar persönlich kennenlernen. Zu ihnen gehört auch Simon Conway Morris.

Geboren 1951 in England, entwickelte er früh ein Interesse an Fossilien und studierte in Bristol Geologie mit Schwerpunkt Paläontologie, ein Feld, das sich mit den Spuren vergangenen Lebens beschäftigt. Danach ging er nach Cambridge, wo er promovierte und später Professor für evolutionäre Paläobiologie wurde. Internationale Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine Arbeiten zum Burgess-Schiefer in Kanada, einer der bedeutendsten Fossillagerstätten überhaupt. Die dort gefundenen Organismen stammen aus der kambrischen Explosion vor etwa 540 Millionen Jahren, während derer innerhalb recht kurzer Zeit fast alle der heute existierenden Tierstämme entstanden. Die damaligen Lebewesen zeigen eine erstaunliche Vielfalt, und viele von ihnen gehörten zu Seitenzweigen, die später wieder ausstarben. Conway Morris trug wesentlich dazu bei, die Fossilien des Burgess-Schiefer wissenschaftlich einzuordnen und verständlich zu machen. Zugleich führte ihn diese Arbeit zu einer grundlegenden Frage: Wie offen und zufällig ist Evolution?

Die klassische, oft vereinfachte Lesart der Evolutionstheorie, betont stark den Zufall. Mutation und Selektion erscheinen darin als blinde Prozesse ohne Richtung. Conway Morris widerspricht dieser radikalen Zufallsdeutung. Sein zentrales Argument ist die sogenannte konvergente Evolution: Immer wieder entstehen im Laufe der Erdgeschichte ähnliche Lösungen für vergleichbare Probleme, obwohl sie unabhängig voneinander entwickelt wurden. Komplexe Augen haben sich mehrfach gebildet, ebenso Flugfähigkeit oder bestimmte Formen von Intelligenz. Für Conway Morris deutet diese Wiederholung darauf hin, dass die Evolution nicht völlig offen und beliebig ist, sondern in gewisser Weise strukturiert. Bestimmte Entwicklungen liegen nahe, weil sie besonders gut funktionieren. Sie sind also nicht ein extrem unwahrscheinlicher Zufall, sondern eine Art „eingeschriebene Möglichkeit“ der Natur. Oder, wie er es in seinem Buch „Life’s Solution“ (2003) formuliert: „Die Evolution ist eingeschränkt – es gibt nur bestimmte Lösungen, die funktionieren“. Weiter schreibt er: „Die Entstehung von Intelligenz ist kein Zufallsprodukt“ und zugespitzt sogar: „Etwas wie wir musste zwangsläufig entstehen“.

Gerade diese Sichtweise macht ihn für viele interessant und für manche kontrovers. Denn Conway Morris verbindet seine wissenschaftlichen Überlegungen offen mit seinem christlichen Glauben. Evolution erscheint ihm nicht als sinnloser Prozess, sondern sie gehorcht einer tieferen Logik, und dies wirft weitergehende Fragen auf. In einem Zeitungskommentar zum Darwin-Jahr schrieb Conway Morris im Jahr 2009: „Doch damit ist es nicht getan. Wie lässt sich der Geist erklären? Darwin tat sich damit schwer. Konnte er seinen eigenen Gedanken mehr vertrauen als denen eines Hundes? Oder schlimmer noch: Handelt es sich hier – ebenso wie beim Ursprung des Lebens – um einen Punkt, an dem seine scheinbar allumfassende Theorie an ihre Grenzen stößt? In gewisser Weise ist die erste Möglichkeit, die ‚Wau-wau-Hypothese‘, sogar die unterhaltsamere. Denn wenn wir ein Produkt der Evolution sind, gibt es keinerlei Garantie dafür, dass das, was wir als Rationalität wahrnehmen und das in Wissenschaft und Mathematik mit beinahe schwindelerregendem Erfolg eingesetzt wird, auf mehr beruht als bloßer Willkür. Wenn aber im Gegenteil das Universum tatsächlich das Produkt eines rationalen Geistes ist und die Evolution gewissermaßen die Suchmaschine darstellt, die uns ermöglicht, die grundlegende Struktur des Universums zu erkennen, indem sie zu Empfindungsfähigkeit und Bewusstsein führt, dann beginnt vieles nicht nur deutlich mehr Sinn zu ergeben, sondern wird auch wesentlich interessanter. Mathematiker erfassen diesen Punkt intuitiv, wenn sie von der ‚unvernünftigen Effektivität der Mathematik‘ sprechen. Leb wohl, düsterer Nihilismus; leb wohl die kalte Gewissheit, dass alles bedeutungslos ist. Darwin hat uns zwar erklärt, wie wir dorthin gelangen und durch welchen Mechanismus. Aber er hat weder erklärt, warum es das alles überhaupt gibt, noch, wie wir es überhaupt verstehen können.“

Gott als Urheber des Universums und des Lebens auf der Erde ist also eine plausible Erklärung dafür, dass das Universum verständlich ist und dass die Entwicklungsgeschichte des Lebens einer tiefen Logik folgt und sogar uns Menschen hervorbrachte.



Einen längeren Vortrag von Simon Conway Morris, in dem er u.a. konvergente Evolution erklärt, findet man auf den Seiten des Faraday Instituts in Cambridge. Ein 7-Minuten-Interview mit ihm ist auf der Seite des Centre for Public Christianity. Eine Liste aller bisherigen Blogeinträge befindet sich hier.

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