Das Grabtuch von Turin

In letzter Zeit wurde ich mehrfach auf das Grabtuch von Turin hingewiesen. Einige betrachten es als Beleg der Auferstehung Jesu, andere wollen aus der DNA, die man auf diesen Grabtuch findet, die Jungfrauengeburt nachweisen. Was ist dran an diesem Grabtuch?

Das Grabtuch von Turin ist ein ca. 4,4 mal 1,1 Meter großes Leinentuch, das ein Ganzkörper-Bildnis der Vorder- und Rückseite eines Menschen zeigt, der Spuren von Geißelung und Kreuzigung trägt. Es wird im Turiner Dom aufbewahrt und gilt vielen als Leichentuch Jesu Christi, während Wissenschaftler über Echtheit oder mittelalterliche Herstellung debattieren.

Die erste nachgewiesene Erwähnung des Grabtuchs findet man im 14. Jahrhundert. Es gibt allerdings mehrere umstrittene Hinweise und Theorien, dass es schon früher existiert haben könnte. In den 1350er Jahren tauchte das Tuch in dem kleinen Ort Lirey in der Champagne in Frankreich auf, nahe Troyes. Dort gründete der Ritter Geoffroi de Charny eine Stiftskirche, in der das Tuch öffentlich gezeigt wurde. Der zuständige Bischof von Troyes, Henri de Poitiers, soll allerdings Zweifel an der Echtheit gehabt haben und die öffentliche Ausstellung zeitweise gestoppt haben. Davon schreibt sein Nachfolger, der Bischof Pierre d’Arcis, dessen Brief an den damaligen Papst in Avignon Clemens VII in einer Abschrift erhalten ist. Besonders bekannt ist die Passage, in der er sagt, sein Vorgänger Henri de Poitiers habe herausgefunden, dass das Tuch „kunstvoll gemalt“ worden sei, und dass der Künstler dies gestanden habe. Doch Befürworter der Echtheit des Grabtuchs unterstellen dem Bischof, dass er unredliche Motive hatte und den Hütern des Grabtuchs die erwarteten Pilgerströme nicht gönnte.

Als der italienische Fotograf Secondo Pia im Jahr 1898 erstmals Fotografien des Turiner Grabtuchs anfertigte, veränderte sich die Wahrnehmung des Tuchs grundlegend. Das eigentliche Leinentuch wirkt mit bloßem Auge eher blass und schwer lesbar; erst auf dem fotografischen Negativ erschien plötzlich ein erstaunlich plastisches Gesicht. Für viele Zeitgenossen war das ein Schock. Die Fotografie galt um 1900 als objektive und beinahe unbestechliche Technik, und nun schien ausgerechnet sie ein verborgenes Bild sichtbar zu machen, das seit Jahrhunderten unbemerkt im Stoff gelegen hatte. Religiöse Autoren deuteten dies schnell als Hinweis darauf, dass das Bild nicht von einem mittelalterlichen Künstler geschaffen worden sein könne. Denn wie hätte ein Künstler Jahrhunderte vor der Erfindung der Fotografie absichtlich ein negatives Bild erzeugen sollen, dessen eigentliche Wirkung erst durch fotografische Entwicklung sichtbar wird?

Aus dieser Faszination entstand allmählich die Vorstellung, das Bild könne auf wundersame Weise direkt im Zusammenhang mit der Auferstehung entstanden sein. Zunächst blieb dies eher eine allgemeine Idee. Man sprach davon, das Grabtuch sei „nicht von Menschenhand gemacht“ oder trage eine unmittelbare Spur des auferstandenen Christus. Doch später begann man, solche Gedanken physikalisch zu formulieren. Besonders nach den naturwissenschaftlichen Untersuchungen des Shroud of Turin Research Project (STURP) in den 1970er Jahren verschob sich die Debatte zunehmend in Richtung moderner Bild- und Materialanalyse. Verschiedene Forscher beschrieben dabei ungewöhnliche Eigenschaften des Bildes: Die Verfärbung scheint nur die äußerste Oberfläche einzelner Fasern zu betreffen, klassische Pigmente ließen sich nicht eindeutig nachweisen, und die Helligkeitswerte des Bildes enthalten eine gewisse dreidimensionale Information. Auf Grundlage solcher Befunde entwickelten Forscher wie John Jackson später die Hypothese, das Bild könne durch einen bislang unbekannten physikalischen Prozess entstanden sein.

Spätere Autoren gingen noch weiter und spekulierten über energiereiche Strahlung, ultraviolette Lichtblitze oder andere Formen plötzlicher Energieabgabe beim Übergang vom Tod zur Auferstehung. Der italienische Ingenieur Giulio Fanti entwickelte solche Vorstellungen besonders ausführlich. Parallel dazu zeigten Physiker wie Paolo Di Lazzaro in Laserexperimenten, dass intensive UV-Strahlung tatsächlich oberflächliche Verfärbungen erzeugen kann, die an das Grabtuchbild erinnern. Allerdings betonten auch diese Forscher, dass solche Experimente keine Auferstehung beweisen.

Einen schweren Schlag erlitt die Echtheitsthese 1988 durch die Radiokarbondatierung des Grabtuchs. Drei unabhängige Labore untersuchten kleine Stoffproben und kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass das Leinen mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen 1260 und 1390 n. Chr. hergestellt wurde. Damit schien das Grabtuch genau in die Zeit seines ersten sicheren historischen Auftretens im Frankreich des 14. Jahrhunderts zu gehören. Für viele Historiker und Naturwissenschaftler war dies der entscheidende Befund: Das Grabtuch sei demnach kein antikes Begräbnistuch, sondern ein mittelalterliches Objekt. Dennoch verstummte die Debatte nicht. Befürworter der Echtheit argumentierten, die untersuchte Probe könne aus einer später reparierten Randzone des Tuchs stammen, die nach einem Brand im 16. Jahrhundert neu eingewebt worden sei. Andere verwiesen auf mögliche Kontaminationen durch Rauch, Berührungen oder biologische Ablagerungen. Kritiker dieser Einwände entgegnen allerdings, dass die Proben vor der Analyse sorgfältig gereinigt wurden und dass die vorgebrachten Verfälschungsszenarien meist spekulativ bleiben.

Auch die DNA-Analyse des Turiner Grabtuchs hat in den vergangenen Jahren neue Diskussionen ausgelöst. Besonders beachtet wurde eine Studie des italienischen Genetikers Gianni Barcaccia und seiner Kollegen aus dem Jahr 2015, die DNA-Spuren aus Staub- und Faserproben untersuchte, die bereits in den 1970er und 1980er Jahren vom Grabtuch genommen worden waren. Die Forscher fanden genetisches Material zahlreicher Pflanzen, Mikroorganismen und Menschen aus unterschiedlichen geografischen Regionen, darunter Europa, Nordafrika, dem Nahen Osten und Indien. Die Autoren betonten vorsichtig, dass diese Vielfalt sowohl mit einer mittelalterlichen europäischen Geschichte als auch mit einer längeren Reisegeschichte des Tuchs vereinbar sei. Eine ganz neue Studie auf dem Preprint-Server bioRxiv analysierte dieselben Proben mit moderneren metagenomischen Verfahren erneut und identifizierte noch wesentlich vielfältigere DNA-Spuren, darunter Pflanzen, Tiere, Bakterien und zahlreiche menschliche Haplogruppen. Fachleute betonten, dass diese Analysen vor allem die jahrhundertelange Berührungsgeschichte des Tuchs dokumentieren, nicht aber dessen ursprüngliche Herkunft oder gar die Identität der Person, die darin eingewickelt gewesen sein könnte.

Besonders spekulativ wurden die Diskussionen um das Grabtuch im Zusammenhang mit genetischen Deutungen des angeblichen Blutes. In apologetischen Kreisen kursiert seit den 1990er Jahren die Vorstellung, man könne aus DNA-Spuren am Grabtuch Hinweise auf die Jungfrauengeburt ableiten. Ausgangspunkt war dabei nicht die etablierte Grabtuchforschung, sondern das Umfeld des amerikanischen Amateurarchäologen Ron Wyatt, der behauptete, Blut Jesu direkt vom Ort der Kreuzigung untersucht zu haben, das eine ungewöhnliche Chromosomenstruktur aufweise mit nur 24 Chromosomen. Später griff der Physiker Frank Tipler ähnliche Gedanken auf und spekulierte in seinem Buch „The Physics of Christianity“ über die Möglichkeit eines sogenannten XX-Mannes, also eines Mannes mit zwei X-Chromosomen und einem translozierten SRY-Gen. Dabei bezog er sich unter anderem auf Berichte über DNA-Untersuchungen am Grabtuch aus den 1990er Jahren, bei denen sowohl männliche als auch weibliche genetische Marker gefunden worden seien. Allerdings wurde in den ursprünglichen Untersuchungen bereits die Möglichkeit erheblicher Verunreinigungen durch die DNA vieler Personen eingeräumt. Tipler interpretierte diese gemischten Befunde dennoch als Hinweis auf eine besondere genetische Konstellation Jesu. In populären Internetdarstellungen wurde daraus schließlich häufig die Behauptung, am Turiner Grabtuch selbst sei ein genetischer Beweis für die Jungfrauengeburt gefunden worden. Doch selbst wenn auf dem Grabtuch wirklich genetische Hinweise auf einen XX-Mann wären, würde das nicht eindeutig für die Jungfrauengeburt sprechen, denn auch XX-Männer bekommen ihr transloziertes SRY-Gen durch eine Samenzelle von ihrem Vater.

Und was sagt der Vatikan zum Grabtuch? Immerhin ist das Tuch seit 1983 Eigentum des Heiligen Stuhls. Der Vatikan nimmt gegenüber dem Turiner Grabtuch bis heute eine bewusst vorsichtige Haltung ein. Zwar wird das Tuch als bedeutendes Andachtsobjekt verehrt und von Päpsten immer wieder als eindrucksvolle Darstellung des Leidens Christi gewürdigt, doch hat die katholische Kirche seine Echtheit niemals offiziell dogmatisch bestätigt. Besonders seit den naturwissenschaftlichen Untersuchungen des 20. Jahrhunderts betont der Heilige Stuhl, dass die Frage nach Alter und Herkunft des Tuchs Sache der historischen und wissenschaftlichen Forschung sei, nicht der Glaubenslehre. Auf der Webseite des Vatikan findet man eine sehr sachliche Besprechung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Grabtuch.

Aus all dem folgt, dass weder erwiesen ist, dass das Bild auf dem Grabtuch durch eine Art Strahlungsereignis bei der Auferstehung entstanden sei, noch dass die DNA-Spuren auf dem Tuch Hinweise auf die Jungfrauengeburt liefern. Aufgrund der Radiokarbondatierung sowie der fehlenden sicheren historischen Zeugnisse vor dem 14. Jahrhundert spricht vieles dafür, dass das Grabtuch erst im Mittelalter entstanden ist. Christen sollten ihren Glauben daher nicht auf solche unsicheren und umstrittenen Befunde gründen. Die Glaubwürdigkeit von Auferstehung und Jungfrauengeburt beruht nicht auf spektakulären Reliquien oder spekulativen naturwissenschaftlichen Deutungen, sondern auf der kontinuierlichen Überlieferung des christlichen Glaubens seit der Zeit Jesu und der Apostel.

Eine Liste aller bisherigen Blogeinträge befindet sich hier.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Wie alt wurden Noah, Jakob und Mose?

Eine Art Dreikampf

Am dritten Tage auferstanden von den Toten

Long Covid

Harald Lesch und die Frage nach Gott